Theodor Rathgeber
Editorial Südasien 4/2016

Liebe Leserinnen und Leser,

In Zeiten des Umbruchs macht Südasien keine Ausnahme. Transformation geschieht zwar immer, aber in den aktuellen Zeiten ist sie selbst in den Alltagsgesprächen fassbar. Angesichts der angezeigten Tendenzen ist es schon tröstlich, dass das Ende offen ist. Eine ungebrochene Fortsetzung der Schocktherapien in Indien mag sich niemand vorstellen. Die intendierte Zurichtung des Staates unter dem Saffron-Banner, der vernichtende Streit um den säkularen Staatsauftrag lässt schaudern. So oder so hat sich das Machtgefüge bereits verschoben. Die Feststellung des indischen Historikers Ramachandra Guha, dessen Buch über Demokraten und Dissidenten in diesem Heft besprochen wird, mag dabei nicht trösten. Dem Aufstieg der Rechten fehle der intellektuelle Kompass. Es gebe keine ernst zu nehmenden, konservativen Intellektuellen. Insofern sei ein indischer Konservatismus mit langfristiger Machtperspektive kaum zu erwarten. Der jetzige Rechtsdrall erschöpfe sich im kurzfristigen Chauvinismus und Reaktionären. Nun ja, das reicht eigentlich schon, um vielen auf Jahre hinaus das Leben noch schwerer zu machen. Ob Indiens Eingebundenheit in ein pluralistisches internationales System mit  multiplen Identitäten und Interessen dagegen hilft, bleibt offen.


Neue Ordnungen zeichnen sich auch in Sri Lanka ab, in die andere Richtung zeigend. So viel freiwillige Eingebundenheit in internationale Kommunikationsstrukturen zur Bemessung der gesellschaftlichen Organisation war nie. Von dieser Offenheit profitiert das Heft unmittelbar. Die Reflexionen zur Reform des muslimischen Personenstandsrechts dürften bislang außer einem überschaubaren Kreis an Expert(inn)en wenig geläufig sein. Wie gleichzeitig das Reformprojekt buchstäblich auf Messers Schneide balanciert, verdeutlicht die kritische Bilanzierung bisheriger Reformschritte aus tamilischer Sicht. Die akribische Auflistung der Versäumnisse ist keine Detailversessenheit, sondern verweist auf die Sensibilitäten gegenüber dem Unabgegoltenen auf Seiten der tamilischen Bevölkerung.


Afghanistan und Pakistan befinden sich gleichfalls in einem Umbruch. Die bislang ungeklärt belassenen Einwirkungen aus dem Nachbarland in die jeweilige Innenpolitik hat die politische Krise um die Geflüchteten aufgedeckt. Gestrandet sind letztere allemal. Wenn die zur Abschiebung aus Europa vorgesehenen Flüchtlinge hinzugezählt würden, sähe sich Afghanistan alsbald der Aufgabe gegenüber, rund 1,5 Millionen Menschen integrieren zu müssen; bei einer Gesamtbevölkerung von rund 30 Millionen. Fällt denjenigen in Europa, die sich mit einer Million Geflüchteten bei einer Gesamtbevölkerung von über einer halben Milliarde überfordert fühlen und daher schnellstens abschieben wollen, nichts auf?


Neue Ordnungen lassen sich ebenso in unserem unmittelbaren Umfeld beobachten. Wer hier in früheren Jahren mit einer staatlichen Auszeichnung überhaupt beehrt wurde, lief Gefahr, für lange Zeit seinen Ruf zu ruinieren. Beide Seiten haben dazu gelernt. Daher ist es ein Anliegen und Vergnügen, dem Gründer des Draupadi Verlags in Heidelberg und Treiber des kulturellen Austausches zwischen Südasien und dem deutschsprachigen Raum, Christian Weiß, zur Auszeichnung mit dem Bundesverdienstkreuz aufrichtig zu gratulieren.


Ich wünsche eine anregende Lektüre und aus gegebenem Anlass im Namen des Südasienbüros schöne Feiertage und einen guten Start in das neue Jahr,

Theodor Rathgeber