Christian Weiß
Versschmuggel mit Südasien
Ein großes Lyrik-Übersetzungsprojekt des Goethe-Instituts

Übersetzen ist eine schwierige Angelegenheit. Das gilt insbesondere für Lyrik-Übersetzungen. Man kann sich bemühen, den Inhalt des Gedichts ins Deutsche zu übertragen. Oder man versucht, die Form (Struktur, Rhythmus, Reime und so weiter) in deutscher Sprache wiederzugeben. Beides zusammen, Form und Inhalt, ins Deutsche zu transferieren ist so gut wie unmöglich. So kommt es, dass Lyrik-Übersetzungen oft etwas hölzern wirken.  

Es gibt aber noch eine dritte Möglichkeit: Man übersetzt ein Gedicht zunächst möglichst wörtlich und beauftragt in einem zweiten Schritt Lyriker/-innen, aus dieser Übersetzung ein neues Gedicht zu schaffen.


Nach diesem Prinzip verfuhr ein großes Lyrik-Übersetzungsprojekt des Goethe-Instituts, das sich um einen Versschmuggel zwischen Südasien und Deutschland bemühte. Die Zahlen sind beeindruckend: Zwischen Juli 2015 und April 2016 trafen in neun Begegnungen 34 Lyriker/-innen aus Südasien auf 17 deutsche Dichter/-innen. Grundlage der Übersetzungsworkshops waren 187 Gedichte, die in 20 verschiedenen Sprachen verfasst worden waren. Es entstanden 280 Übersetzungen, die im Mai 2016 in einem zweibändigen Werk mit dem Titel „Poets Translating Poets – Versschmuggel mit Südasien“ (herausgegeben von Martin Wälde) veröffentlicht wurden. Beteiligt waren Dichter/-innen aus Indien, Pakistan, Bangladesch und Sri Lanka.


Zwischen dem 9. Juni und dem 30. Oktober 2016 gab es dann 17 Veranstaltungen in verschiedenen deutschen Städten mit den beteiligten Lyriker(inne)n, wobei immer diejenigen, die bei den Workshops in Südasien gegenseitig ihre Gedichte übersetzt hatten, auch bei den Lesungen zusammen auftraten. Den Abschluss bildete dann Ende November ein großes Lyrik-Festival in Mumbai.


Ich war bei drei Veranstaltungen dabei: am 9. Juni in Berlin, am 5. Oktober in Frankfurt und am 12. Oktober in Heidelberg. Alle drei Lesungen waren faszinierende Erlebnisse!


An der Eröffnungsveranstaltung in der Akademie der Künste in Berlin waren Rajendra Bhandari (Indien), Sajjad Sharif (Bangladesch) sowie Daniela Danz, Hendrik Jackson, Orsolya Kalász und Judith Zander (alle Deutschland) beteiligt. Dabei las Sajjad Sharif ein Gedicht, das in der Nachdichtung von Hendrik Jackson folgendermaßen lautet:

 

jenseits der rede

hinausgehen in ein jenseits der rede

alles ist voller zeichen, sprechend

alle zeichen werden ein lärmendes

brüllen hat die welt zerwalzt.

wo ist der see, in dessen ewig-stillem wasser ein stein

keine wellen erzeugt

dass ein sprachloses entstehe

 

Erkennbar war schon bei dieser Veranstaltung, dass es einen großen Unterschied zwischen Südasien und Deutschland gibt, was das öffentliche Vortragen von Gedichten betrifft. Lyriklesungen laufen in Deutschland gewöhnlich so ab, dass der Dichter beziehungsweise die Dichterin seine oder ihre Werke vorliest. In Südasien ist das Rezitieren von Gedichten oft schon eine theatralische Inszenierung.


Dies konnte man in Berlin sehr schön am Auftritt von Mamta Sagar erleben. Diese Lyrikerin trug ihre auf Kannada verfassten Gedichte nicht nur vor, sondern sie tanzte und sang. Begleitet wurde sie dabei von einem Berliner Straßenmusiker, den sie am Tag zuvor zufällig kennengelernt hatte. Hier eines ihrer Werke, nachgedichtet von Nicolai Kobus:

 

trauer

wie sich eingesperrte trauer

plötzlich flutend bahn bricht

in regen ohne unterlass.

prasselnde tropfen, verstreute träume,

die erinnerungen weggespült... es schüttet unaufhör-

lich!!

die hände zur schale gen himmel gehalten

werden die hierin bewahrten wünsche

und träume nass, lösen sich

im wasser auf und rinnen

durch die finger... die augen füllen sich mit tränen,

bevor ein wort die lippen zum lächeln formt,

zieht schweigen wie eine dunkle wolke auf.

nieseln, das die tränen überdeckt.

von kopf bis fuß vom regen der trauer durchnässt!!

dieser regen! solch ein regen! was für ein regen!!

in diesem regen bricht das herz des himmels,

der boden unter den füßen wird schlamm.

 

In Frankfurt war der derzeit wohl erfolgreichste deutsche Dichter, Jan Wagner, zu erleben. Sein Versschmuggel-Partner war Sumanta Mukhopadhyay aus Kalkutta. Ein Gedicht dieses Bengali-Lyrikers trägt den Titel „Dharma“ und wurde von Jan Wagner ins Deutsche übertragen:

 

Dharma

Vor dem Gipfel aus weißem Schnee

stand ich eines Tages und weinte

als stumm ein Hund mir hinterherlief

und alles sich fügte still war nur

der Bergadler wie das Rad der Zeit

zog lautlos seine Kreise

und warf die Frage auf

was vor dem Anfang war

was nach dem Ende kommt

ich war keine Figur aus dem Mahabharata

doch alles gewann mit einem Mal

an Wirklichkeit

 

Dieses Gedicht nimmt Bezug auf das altindische Epos Mahabharata. Der große Held Yudhishthira macht sich am Ende auf den Weg nach Norden, wo sich die hohen Berge befinden, die in die jenseitige Welt führen. Ein Hund begleitet ihn, der, wie sich später herausstellt, eigentlich Dharma, sein Vater, ist. Dharma ist einer der zentralen Begriffe im indischen Denken. Gemeint ist das kosmische und soziale Gesetz, die Ethik oder auch die Religion. Dharma hilft Yudhishthira, einige Prüfungen zu bestehen und knifflige Fragen zu beantworten.


Das zweite Frankfurter Versschmuggel-Paar bildeten die deutsche Dichterin Barbara Köhler und der tamilische Dichter Somasundrampillai „Sopa“ Pathmanathan aus Sri Lanka. Anschaulich berichteten die beiden vom Übersetzungs-Workshop in Colombo. Dort wurde versucht, durch die Lyrik Brücken zu bauen zwischen den verfeindeten Singhalesen und Tamilen.


An der Heidelberger Veranstaltung beteiligten sich fünf Dichter: Lalnunsanga Ralte (Indien), Afzal Ahmed Syed und Amar Sindhu (beide Pakistan) sowie Andreas Altmann und Christian Filips (beide Deutschland). Lalnunsanga Ralte (der den Künstlernamen Sanga Says trägt) stammt aus dem Nordosten Indiens und verfasst seine Gedichte auf Englisch und Mizo. Dass an diesem großen Übersetzungsprojekt auch so unbekannte Sprachen wie Mizo einbezogen wurden, finde ich wirklich bemerkenswert!


Lalnunsanga Ralte trug ein Gedicht vor, das den Titel „Fak you“ trägt. Er klärte das Publikum gleich auf, dass „fak“ in seiner Heimat kein Schimpfwort ist, sondern „Glück“ und „Wohlergehen“ bedeutet. In der Übertragung von Christian Filips lautet das Gedicht:

 

Fak you

Fak you

Und eh Du Dich gleich wieder wegdrehst,

Hör mir erst mal gut zu:

Ich entstamme einem Volk, wo die Menschen

Namen wie Faka und Faki tragen

Und vielleicht hast Du zufällig auch

die Geschlechter gleich richtig erraten.

Du musst wissen, in meiner Sprache

ist Fak, FAK, ein anständiges Wort

Ein Wort, das segnet.

Ein Wort, das lobpreist, bejubelt.

So fak Elliot, fak Shakespeare

Und fak you …!!!

Da Du nun ein Wort in meiner Sprache gelernt hast,

lerne ich vielleicht auch eins in Deiner.

Vielleicht nehmen so die Schubladen, in die wir

einander

gesteckt haben, die Gestalt von Menschen an,

die einander mitten in Ruinen gegenüberstehen,

um, Stein für Stein, etwas Schönes zu stiften.

Vielleicht wird mein Wort Deines ersetzen

und Dein Wort meines

Und vielleicht hört der Falkner dann endlich den Falken

und alles kracht nicht wieder gleich zusammen.

Aber bis dahin

ein verträumter Gruß

aus dem Innern der Schublade:

Fak Allemann!

 

Lalnunsanga Ralte bekam für dieses Gedicht viel Beifall, und auch die Werke der anderen Lyriker wurden sehr wohlwollend aufgenommen. Vielen der Anwesenden war bewusst, dass es ein Übersetzungsprojekt in dieser Größenordnung in Bezug auf Südasien noch nicht gegeben hat und wohl auch nie wieder geben wird. 

Zum Autor:
Christian Weiß ist Verleger und Geschäftsführer des in Heidelberg ansässigen Draupadi-Verlages.