Theodor Rathgeber
Editorial Südasien 1/2017

Liebe Leserinnen und Leser,

 

eine Bestandsaufnahme bewerkstelligen zu wollen, kommt dröge daher, klingt nach Buchhaltung und sturem Abarbeiten am Bekannten. Davor ist die Ausgabe dieses Heftes natürlich nicht gefeit. Bestandsaufnahmen leistet SÜDASIEN im übrigen mit jeder Ausgabe. Warum also eine solche explizite Schwerpunktsetzung? Beim Lesen der Beiträge zu den zurückliegenden Heften über kulturelle Transformation und politische Transition überkam mich häufiger der Gedanke, innehalten zu wollen und mich einiger Grunddaten zu Ländern und Leuten in Südasien zu versichern. Das ist mit einem einzigen Heft natürlich nicht ansatzweise leistbar. Die „Bestandsaufnahme“ in diesem Heft kann also auch als Anfang einer gerne auch strittigen Debatte verstanden werden. Weitere Beiträge zur Einsicht in grundlegende Dynamiken sozialer Veränderung in Südasien sind erwünscht.

 

Die Texte zum Schwerpunkt behandeln sehr unterschiedliche Themenfelder. Sie lassen sich gleichwohl auf den gemeinsamen Nenner bringen, dass vorherrschende Ansichten über die Veränderungsdynamik von Staaten, über politische Konzeptionen zu Entwicklung und Entwicklungszusammenarbeit, Flucht und Flüchtlingen, vermeintlich modernes Wirtschaftes und das Mantra der Partizipation in ihrer routinierten Anwendung in Frage gestellt werden. 

 

Ich konnte vor zwei Wochen eine Kollegin aus Sri Lanka nach Brüssel begleiten. Dort sind Begriffe wie Konsultation, partizipative Prozesse, lokal angepasste Investigationen oder Entscheidungsfindungen in inflationärem Gebrauch. Ein Blick hinter die rhetorische Fassade offenbarte jedoch eine abgründige Kontinuität an hergebrachten Vorstellungen über Machtpolitik und die Durchsetzung von Interessen. Der Hinweis auf fehlende Finanzmittel für realitätsgerechte Konsultationsprozesse war so lapidar wie ernüchternd. 

 

Mit ähnlichen Floskeln haben wir es im Bereich Flucht zu tun, in dem ein dramatischer Deutungswechsel stattfindet. Flüchtlinge waren immer schon unbequem für die Gesellschaft, in der sie Schutz suchten. Im Moment wird jedoch mit einer menschenrechtlich-basierten Rhetorik versucht, bislang als grundlegend erachtete Rechtsgarantien buchstäblich über Bord zu werfen und Schutzsuchende fernzuhalten. Wenn die Umstände es erlauben, integrieren unsere Ökonomien auch Formen der Sklaverei; nicht nur in Indien. 

 

Mir scheint, die Zeitschrift SÜDASIEN bietet eine besonders günstige Plattform, um solche Bestandsaufnahmen zu leisten und ihren Gehalt zu hinterfragen. Meine bisherigen Erfahrungen besagen, dass sich hier unterschiedliche Ebenen der Information und Auswertung treffen und bereichern; die einen eher einer wissenschaftlichen Methodik folgend, die anderen einem empirischen Bericht. Die Ermutigung des Vorstands in seinem Brief an die Leserschaft, die Zeitschrift zu einem lebhaften Forum auszubauen, kann ich nur unterstreichen.

 

Es gibt auch Ermutigendes zu berichten. Angesichts der vielen Abgründe, in die die Beiträge schauen lassen, kann ja die Frage nahe liegen: Wer hält das auf Dauer aus und engagiert sich sogar zur Beseitigung der Missstände? Unter anderem die Andheri-Hilfe! Sie feiert in diesem Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. SÜDASIEN Heft 2 wird näher darauf eingehen. An dieser Stelle aber schon mal herzlichen Glückwunsch zum beharrlichen Eintreten für die Rechte der Ärmsten in Indien und Bangladesch!

 

Ich wünsche eine anregende Lektüre,

 

Theodor Rathgeber