Philipp Zehmisch
Alltägliche Teilungen
Äußere und innere Feinde

Im November 2014, am Ende meines ersten Besuchs in Pakistan, verließ ich das Land von Lahore aus nach Amritsar. Die Rückkehr nach Indien, wo ich zwei Jahre lang auf der Inselgruppe der Andamanen geforscht und gelebt hatte, war emotional aufgeladen. Auf dem Weg zur bei Lahore liegenden Wagah-Grenze wurde mein Gepäck mehrfach durchleuchtet, da es erst eine Woche zuvor einen Bombenanschlag auf die allabendlich stattfindende Grenzschließungszeremonie gegeben hatte. Nach der Passkontrolle betrat ich einen kleinen, bepflanzten Grenzstreifen, der sich ein paar Hundert Meter bis zum Niemandsland an der indischen Attari-Grenze erstreckt. Um den Moment wirken zu lassen, setzte ich mich dort unter einen kleinen Baum und grübelte über die ontologische Beschaffenheit dieser offiziell einzigen physischen Verbindung zwischen den seit 1947 geteilten „Bruderstaaten”, in denen zusammen ungefähr eineinhalb Milliarden Menschen leben.

 

Auf beiden Seiten des Niemandslandes waren die nationalen Ikonen, Mohammad Ali Jinnah und Mahatma Gandhi, auf massiven Torbögen abgebildet, von wo aus sie mich verabschiedet hatten beziehungsweise noch erwarteten. Diese beiden Staatsmänner stehen nicht nur für die Erlangung der Unabhängigkeit des Subkontinents, sondern haben auch dessen Teilung mit zu verantworten. An die verheerende menschliche Tragödie dieses politischen Prozesses erinnert ein wenig beachtetes Monument, welches auf indischer Seite der Grenze der Opfer der Gewaltexzesse der Teilung im Punjab gedenkt. Im Zuge religiös motivierter und politisch organisierter Gewalt zwischen Sikhs, Hindus und Muslimen kamen zwischen ein und zwei Millionen Menschen auf dem Subkontinent ums Leben. Zu dieser Zeit wanderten schätzungsweise 10 bis 15 Millionen Flüchtlinge in einen der beiden neu entstehenden Nationalstaaten. Dieser Bevölkerungsaustausch wird als größte Massenmigration des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Das Ergebnis der Auswanderung von Sikhs und Hindus aus Pakistan ist, dass dort heute um die 97 Prozent Muslime leben. Das säkular konzipierte Indien zählt hingegen mit seinen 180 Millionen Muslimen nach Indonesien und Pakistan aktuell die meisten muslimischen Bürger.

 

Sedimente der Teilung

 

Eine bekannte literarische Verarbeitung der Problematik der Teilung ist der Roman „Mitternachtskinder“ von Salman Rushdie. Indien beschreibt Rushdie darin als „ein mythisches Land, […] eine Massenphantasie, […] die in regelmäßigen Abständen der Sanktionierung und Erneuerung bedurfte, die nur blutige Rituale bereithalten können“ (Rushdie 1997: 150). Massenphantasien strukturieren tatsächlich den Alltag der Bevölkerungen des Subkontinents, indem oft nationalistische Fiktionen über das Eigene und das Fremde mit dem persönlich Erlebtem, zum Beispiel von Zeitzeugen der Teilung, vermengt werden. In „Mitternachtskinder“ fungiert der Körper des Hauptprotagonisten Saleem Sinai zudem als Metapher für die Zerrissenheit der indischen Nation. Die Vorstellung von Indien und Pakistan als Körper, der zusammengehört, aber gewaltsam getrennt wurde, und diese Trennung regelmäßig durch die Kultivierung eines Antagonismus bestätigen muss, illustriert ein grundlegendes Problem, welches Ausgangspunkt dauerhafter Konflikte und zahlreicher Kriege ist. Zudem kommt es in beiden Ländern immer wieder zu Ausbrüchen von Gewalt zwischen Anhängern verschiedener Religionen, oft von Mehrheiten gegen Minderheiten. Diese Gewalt wird meist politisch angestachelt und rhetorisch mit der Verantwortung, sich verteidigen zu müssen, gerechtfertigt.

 

Die innerhalb von mehreren Wochen auf dem Reißbrett ausgearbeitete Teilung des Subkontinents hat eine existentielle Dimension erhalten, indem sie historisch gewachsene Dörfer, Natur-und Kulturräume, Infrastrukturen, Armeen und vieles andere von einem Tag auf den anderen trennte. Um diese Umwälzungen begrifflich fassen zu können, prägte die Historikerin Vazira Zamindar (2007) den Begriff der „Long Partition“. Sie argumentierte, dass die Teilung des Subkontinents nicht als ein einmaliges Ereignis der Vergangenheit oder als irrationaler Gewaltexzess betrachtet werden sollte, sondern als ein wirkmächtiger, bis heute andauernder Zustand, der sowohl makropolitische Prozesse als auch das alltägliche Leben in der Gegenwart prägt.

 

Grenzziehungen im alltäglichen Leben

 

Ich hatte in Pakistan viel über Indien gesprochen und bei meinen Gesprächspartnern nicht nur kategorische Ablehnung, sondern eine ungemeine Neugier für den Anderen da drüben, für diesen nicht-greifbaren, in Distanz lebenden Nachbarn erlebt. Die meisten Pakistanis konsumieren indische Filme und haben daher spezifische Bilder über den Anderen im Kopf, die sie in Gesprächen mit mir abgleichen wollten. Wie ich später herausfinden sollte, gestaltete sich das Verhältnis auf der anderen Seite der Grenze etwas anders. Viele Inder wussten wenig über Pakistan und schienen teilweise der Mediendarstellung von Pakistanis als religiöse Fundamentalisten und Terroristen Glauben zu schenken. Sie zeigten dennoch großes Interesse an ihrem „fremden Nachbarn“, und in Delhi oder Rajasthan sogar eine ausgesprochene Nostalgie nach der ungeteilten Vergangenheit. Ungewollt rutschte ich in beiden Kontexten in die Rolle des Repräsentanten der jeweils anderen Nation, und musste oft bezeugen, welches Land denn besser oder schlechter sei, welche Unterschiede es gebe, und wo es mir besser gefalle.

 

Die übergreifende Frage, die sich für mich aus diesen Erfahrungen herauskristallisiert, betrifft die Auswirkungen der Teilung auf das populäre Verständnis nationaler Identität in Indien und Pakistan. Inwiefern hat die Teilung die grundsätzlichen politischen und kulturellen Parameter des Zusammenlebens der Bevölkerungen beider Nationalstaaten geprägt? Bei der Beantwortung dieser Frage muss man sowohl Prozesse der Grenzbildung als auch deren Bruchlinien untersuchen, die vor allem beim Aufbau persönlicher und institutioneller Verbindungen über Grenzen hinweg entstehen. Man begegnet in Südasien ständig Grenzziehungen, die zwar materiell und konkret sein können, trotzdem aber nicht unbedingt räumlich an einer physischen Staatsgrenze angesiedelt sein müssen. Solche semantischen und metaphorischen Grenzen verlaufen zwischen und durch Personen und Institutionen hindurch und sind ein existentieller Bestandteil nationaler, regionaler und religiöser Identitätskonstruktionen. Das alltägliche „Grenzland in den Köpfen“ kann als ideologische Landschaft begriffen werden, die ästhetisch und atmosphärisch im öffentlichen Raum wahrnehmbar ist.

 

Doch inwiefern korrespondieren die Wahrnehmungen auf beiden Seiten der Grenze miteinander? Die Vermutung, dass bestimmte Diskurse über die Vergangenheit, die gegenwärtige Lage und die Beziehungen zueinander gemeinsam verhandelt werden, also miteinander im Dialog stehen, kann nur teilweise bestätigt werden. Es lässt sich jedoch konstatieren, dass dem Gegenüber auf der anderen Seite aufgrund der kultivierten, politischen Feindschaft im jeweiligen nationalen Mainstream eine stereotype und teilweise fiktive Rolle zugeschrieben wird. Jene hat nicht viel mit einem empirisch begründeten Bild zu tun, sondern ist durch eine Absenz von Dialog gekennzeichnet. Dieses „sich-nicht-auf-den-Anderen-einlassen“ ist einerseits Konsequenz der weitestgehend hermetisch geschlossenen Grenzen, deren geringe Durchlässigkeit für Bürger beider Staaten sich andererseits auf den Mediendiskurs und vor allem auf die Bildungsinstitutionen auswirkt. Hier korrespondieren Propaganda, Nichtwissen, und eine verordnete Amnesie über die Vergangenheit miteinander. Die erlernte Feindschaft wird zudem aufgestachelt von orthodoxer, religiöser Rhetorik, welche in Pakistan spätestens seit den 1970er Jahren erst unter Zulfikar Ali Bhutto und später unter dem Diktator Zia-ul-Haq im Mainstream angekommen ist. In Indien hat diese Rhetorik seit den 1980er Jahren stetig zugenommen und ist unter Modi immer mehr zum Bestandteil der Regierungspolitik geworden.

 

Äußere und innere Feinde

 

Der bewusst inszenierte Feind dient in Pakistan vor allem der Festigung und dem Erhalt der Machtpositionen des Establishments. Hier wurde ein so genannter Sicherheitsstaat (Security State) institutionalisiert, um potentielle Bedrohungen von außen abzuwehren – vor allem durch die Nuklearmacht Indien, die angeblich das Existenzrecht Pakistans nicht anerkennt. Indien entsendet laut offizieller Lesart Spione, um Pakistan zu destabilisieren und interne Aufstände logistisch und materiell zu unterstützen. Die Bekämpfung des Feindes von außen führt jedoch vor allem zur Bekämpfung der Feinde „im Inneren“, zu denen unter anderem diverse ethno-nationalistische Gruppen aus den Provinzen Balochistan, Sindh, Khyber-Pakhtunkwa, Gilgit-Baltistan und dem Süden des Punjab zählen.

 

In Pakistan wird die Wirkmacht der für die Staatsgründung existentiell wichtigen Zwei-Nationentheorie, nach welcher Muslime und Hindus verschiedenen Nationen angehören, durch diverse Erzählungen der Geschichte der Muslime Südasiens als eine Geschichte der Heimkehr einer Nation in ein von Gott gegebenes Territorium aufrechterhalten: ein Diskurs, den der Historiker Faisal Devji (2013) mit dem Begriff „Muslim Zion“ titulierte. Para-llel dazu orientiert sich Pakistan stark am Nahen Osten, von wo aus religiöse Ideologie und Finanzmittel ins Land fließen. Dies prägt nicht nur die alltägliche religiöse Praxis, sondern auch die materielle, ideologische, rechtliche und politische Kultur des Landes und vor allem den Umgang mit religiösen Minderheiten. Dabei wird die Erinnerung an das mit Hindus, Sikhs, Parsen und Christen geteilte religiöse und kulturelle Erbe zunehmend aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt. Beispiele hierfür wären die Vernachlässigung oder Zerstörung hinduistischer Tempel, oder aber das Herausschreiben von Hindus und Sikhs aus der Geschichte des antikolonialen Kampfes.

 

Bis heute bedient sich auch der indische Nationalismus der Bedrohung von außen, um interne Kohärenz zu schaffen. In Indien ist die Lage komplex, da es eine Vielzahl von Akteuren gibt, und vor allem das Militär nicht so eine uneingeschränkte Macht über die Politik besitzt wie in Pakistan. Indien blickt zudem auf das säkulare, pluralistische Erbe des Nehruvianischen Nationalstaates zurück, welches auf dem Leitmotiv der indischen Nation, „Einheit in der Vielfalt“, basiert. Dieses säkulare Erbe wird allerdings durch die rechte Hindutva-Politik der Bharatiya Janata Party (BJP) unter Modi, welche die Propagierung einer Hindu-Identität als wichtigstes Merkmal der indischen Nation darstellt, massiv in Frage gestellt. Dieser Prozess geht einher mit einer Infiltrierung der Schulen, Universitäten, Behörden und Gerichte mit Anhängern der BJP.

 

In Indien gibt es ähnliche Tendenzen wie in Pakistan, die Geschichte als „reine“ Hindu-Geschichte umzuschreiben und Muslime zu Ausländern oder Invasoren zu erklären – eine grobe Missachtung der Tatsache, dass der Großteil südasiatischer Muslime von lokalen Konvertiten abstammt. Auswirkungen dieses veränderten Geschichtsverständnisses lassen sich in vielen Lebensbereichen beobachten, unter anderem im chronisch unterfinanzierten Denkmalschutz von Monumenten muslimischer Herrscher. Die Hindutva-Ideologie bekräftigt somit indirekt die Zwei-Nationen-Theorie, welche einst zur Teilung führte.

 

In beiden Ländern steht der „äußere Feind“ der Nation im hegemonialen Diskurs weitestgehend als symbolischer Platzhalter für den „inneren Feind“. Dieser wird je nach politischer Machtkonstellation etwas anders verortet, in den letzten Jahren ist er mir in beiden Ländern jedoch hauptsächlich unter dem Begriff „anti-national“ begegnet. Die Konjunktur des Begriffs wird von dem Bestreben geleitet, oppositionelle Kräfte im öffentlichen Diskurs zu verleumden und mundtot zu machen, indem reale und fiktive Elemente miteinander verbunden werden. Die so effektiv dämonisierten „Anti-nationalen“ sind einerseits Mitglieder und Sympathisanten von ethno-nationalistischen oder separa-tistischen Bewegungen, die in Pakistan in beinahe allen Provinzen und besetzten Gebieten vorzufinden sind. In Indien existieren sie vor allem im Nordosten, in Kaschmir und in den parallelstaatlichen Zonen der maoistischen Guerilla der Naxaliten. Eine weitere Gruppe der „Anti-nationalen“ sind regierungskritische Journalist(inn)en, Künstler/-innen, Akademiker/-innen und Aktivist(inn)en, sowie politische Parteien und ihre Sympathisanten. Die dritte Gruppe sind zivilgesellschaftliche Organisationen und Bewegungen, die in vielerlei Form gegen den Staat aufbegehren, und von denen sich einige auch für eine Annäherung oder gar für Frieden mit dem „entfernten Nachbarn“ engagieren. Oft vermischt staatliche Propaganda verschiedene Akteure miteinander und wirft sie krude in einen Topf.

 

Widerstände

 

Abgesehen von Propaganda begegneten mir in Südasien jedoch zahlreiche subversive Infragestellungen dieser Antagonismen, welche auf dem Austausch und der Kollaboration über „innere” und „äußere” Grenzen hinweg erfolgte und die Entstehung neuer grenzüberschreitender Interessensgemeinschaften begünstigte – wobei hier gerade soziale Medien förderlich sind. Ein wichtiges Element dieses Austausches ist eine Neuinterpretierung der Geschichte der Teilung und der künstlichen Grenzziehungen, die mit diesem langanhaltenden Prozess einhergingen. So wird unter anderem die kollektive Amnesie beider Nationalismen gegenüber der jahrtausendealten gemeinsamen Geschichte sowie die Gewaltausübung gegen Minderheiten und deren kulturelles und religiöses Erbe thematisiert und kritisiert.

 

Zahlreiche Akteure aus der Mittel- und Oberschicht formulieren das Anliegen, die Feindschaft zu beenden und, entsprechend des grenzüberschreitenden Waren- und Güterflusses, die Grenzen für die Menschen zu öffnen. Liberale Bürger/-innen beider Länder, vor allem Liebhaber von Kultur und Kunst, Musik, Tanz und Theater, positionieren sich seit Langem kritisch gegenüber der inszenierten Blankofeindschaft zum Nachbarstaat und den eigenen Minderheiten. Hier lässt sich eine populäre Nostalgie für die verlorene Einheit des Subkontinents attestieren. Prominente Vertreter/-innen dieser Erinnerungskultur finden sich unter den zahlreichen, aus Lahore vertriebenen und dieser Stadt immer noch verbundenen Oberschicht Delhis. Wenige, privilegierte Bürger/- innen aus beiden Ländern waren als Gäste im Nachbarland, ob als Cricket-Fans, aus beruflichen Gründen – Schriftstellerei, Journalismus, Kunst, Musik, Tanz, Schauspiel, oder Diplomatie –, zum Besuch von Verwandten und Familie oder aber als Pilger zum Besuch religiöser Stätten. Viele haben ein tief sitzendes Verlangen, die andere Seite der Grenze kennen zu lernen. Da die Visavergabe immer auch von politischen Konjunkturen wie Wahlen und anderen innen- wie außenpolitischen Gegebenheiten abhängt, nehmen in den letzten Jahren manche Bürger/-innen die Verbesserung der Beziehungen selbst in die Hand.

 

Die Auseinandersetzung mit der geteilten Vergangenheit, und vor allem mit der Teilung und ihren Folgen, wird vor allem von progressiven Kräften aus der Zivilgesellschaft vorangetrieben – mit dem Ziel eine selbstreflexive, kritische Erinnerungskultur zu schaffen, um damit das Verhältnis der Nation zu sich selbst und dem Anderen zu verändern. Zivilgesellschaftliche Akteure, darunter zahlreiche Nichtregierungsorganisationen (NROs), organisieren Austauschprogramme zwischen Schüler(inne)n, Pensioären und spezifischen Berufsgruppen. Andere arbeiten aktiv am Umschreiben von Schulbüchern, die Hass gegen Minderheiten oder den anderen Staat propagieren. Ein neues Feld in der Aufarbeitung von Geschichte sind NROs, welche die letzten noch lebenden Zeitzeugen der Teilung interviewen und diese mündliche Geschichtsvermittlung (Oral History) der Öffentlichkeit online zur Verfügung stellen. Damit hoffen sie ein alternatives Geschichtsbewusstsein zu erzeugen, das über die Konstruktion von Opfern auf „unserer“ Seite und Tätern auf der „anderen“ Seite hinausgeht und die menschlichen, alltäglichen Aspekte des Lebens vor und während der Teilung heraushebt. Weitere Akteure produzieren Filme, Theater, Kunst, Musik, Tanz und Bücher, um einen Gegendiskurs zur hegemonialen Geschichtsschreibung des Staates bereitzustellen. Auch die Eröffnung eines Museums über die Teilung des Subkontinents in Amritsar im Herbst 2016 und die Forderungen nach einem ähnlichen Museum in Pakistan sind ein Ausdruck dieser alternativen Erinnerungskultur.

 

Überwindung der Gräben

 

Des Weiteren existieren verschiedene Versuche, die historischen und kulturellen Gemeinsamkeiten der Menschen beider Staaten hervorzuheben und soziale sowie politische Kämpfe daran aufzuhängen. Zum Beispiel kollaborieren Mitglieder aus der pakistanischen und indischen Linken über Grenzen hinweg miteinander. Deren grenzüberschreitendes Ethos kann vorläufig als eine historisch reflexive Haltung verstanden werden, die mit einer intrinsischen Motivation einhergeht, sozialen und politischen Wandel in die Region zu bringen. Oft wird dabei die Mainstream-Politik umgangen, mit dem Ziel, eine alternative Politik für die Menschen zu installieren.

 

Abgesehen davon trifft man immer wieder auf fragmentierte Diskurse über das gemeinsame religiöse und kulturelle Erbe des Subkontinents, die Staats-und Provinzgrenzen überschreiten. In Rajasthan, an der Grenze zur Wüste Thar und zum pakistanischen Sindh, leben beispielsweise die Manganiyar, eine muslimische Musikerkaste, die einen starken mythischen und räumlichen Bezug zum Sindh haben – eine Region Pakistans, die für ihre synkretistischen Praktiken bekannt ist. Die Manganiyar weisen eine starke Nostalgie für die Vergangenheit vor der Teilung auf, als sie noch ihre Verwandten auf der anderen Seite der Grenze besuchen konnten. Als Muslime singen die Manganiyar nicht nur hauptsächlich Lieder für hinduistische Förderer mit hinduistischem Inhalt, sondern sie verehren auch hinduistische Gottheiten wie Swarupa und Hinglaj und feiern hinduistische Feiertage genauso wie muslimische. Der Synkretismus dieser Grenzbevölkerung, die durch die Teilung aktiv in ihrer Mobilität beeinflusst wurde, steht sinnbildlich für viele alltägliche Praktiken in Indien und Pakistan, welche sich immer mehr im Rückzug befinden, aber trotzdem flexibel und widerstandsfähig sind. An dieser Tradition setzen im Moment neue soziale Bewegungen an und entwickeln Perspektiven für eine friedlichere Zukunft des geteilten Subkontinents.

 

Zum Autor:

Philipp Zehmisch ist Ethnologe am Center for Advanced Studies in München. Seine grenzüberschreitende ethnographische Postdoc-Forschung konzentriert sich auf die Folgen der Teilung des Subkontinents und die Gestaltung demokratischer Beziehungen zwischen Indern und Pakistanis.