Jürgen Wasim Frembgen
Zuhören, um zu verstehen
Ein muslimischer Baba über radikale Ausprägungen des Islam

Das Thema 70 Jahre Teilung legt nicht zuletzt eine kritische Auseinandersetzung mit den radikalen Ausprägungen des Islam sowie des Hinduismus nahe. Letzterer war in den jüngsten Ausgaben von SÜDASIEN mehrfach Thema. Der jetzige Schwerpunkt bietet die Gelegenheit, an dieser Stelle mehr zum Islam auszuführen. Pakistan, vom staatlichen Selbstverständnis her die Heimstatt der Muslime in Südasien, hat eigentlich den Raum für die öffentliche Artikulation für vielerlei Ausprägungen des Islam geboten. Wenngleich kritische Auseinandersetzungen in Pakistan durchaus stattfinden, wird faktisch der öffentliche Raum dafür zusehends eingeschränkt. Der nachfolgende Beitrag kann als kritische Auseinandersetzung verstanden werden, bedient sich jedoch des Dialogs mit dem Anderen und im Licht der Erfahrung mit Indien.

 

Bei meinen Besuchen im Altstadtviertel Basti Nizamuddin in Delhi beginnt Babaji mit einer Lehransprache, einem sohbat. Er öffnet die Tür des Zusammenseins, wie die Meister des Naqshbandi-Ordens sagen. Es sei wichtig, betont er, dass wir immer wieder beisammensäßen. Sein sohbat ist jedoch keine gemeinschaftliche spirituelle Übung, an der mehrere Schüler teilnehmen, sondern in unserem Fall ein weitgehend informelles Reden in Englisch und Urdu über Mystik und andere Themen, bei dem der Meister mich anspricht und ich zuhöre, mir aber die Möglichkeit gibt, auch selbst in der Art eines freien Gespräches Meinungen zu äußern. Als ich Kaschmiri Baba zum ersten Mal besuche, beginnt er sein sohbat mit den Worten, dass er keiner „Religion“ angehöre, denn Religionen würden Unterschiede betonen und Menschen voneinander trennen. In der Sufi-Tradition gehe es vielmehr um die universale Liebe, um Menschlichkeit und Respekt vor den von Gott geschaffenen Kreaturen, so wie sein Meister ihn dies gelehrt habe. Es sei egal, von woher die Menschen kämen, welche Hautfarbe sie hätten oder welches Geschlecht, vor Gott seien sie gleich.

 

Allzu große Gewissheit gebiert Terror

 

Wichtig ist allein die Reinheit des Herzens. Wir sollen nach dem Guten streben und das Böse vermeiden. Schau, Wasim, nimm eine Schale mit Wasser und fülle sie mit Reis. Die guten Reiskörner setzen sich am Boden ab, die schmutzigen schwarzen Körnchen und die Hülsen aber steigen an die Oberfläche. Sufis, Derwische oder Fakire, wie auch immer wir bezeichnet werden oder uns selbst nennen, wir müssen jeder Zeit achtsam sein, andere Menschen und Wesen nicht zu belästigen oder zu verletzen. Im Westen sagen die Leute, dass der Islam eine Religion des Schwertes sei. Dieses verzerrte Bild verdanken wir engstirnigen Hasspredigern und Terroristen. Du nennst dies eine „Theologie der Gewalt“. Ich bin kein Historiker, aber wenn du sagst, dass solche Ideen seit dem siebzehnten Jahrhundert propagiert wurden, wird es schon stimmen. Denk an die Flagge der Saudis, sie zeigt das islamische Glaubensbekenntnis und darunter ein Schwert. Auf einer anderen Saudi-Flagge sind neben einer Palme gekreuzte Säbel platziert. Das passt nicht zusammen, das hat mit meinem Glauben nichts zu tun. Als ob das Land des Islam auch das Land des Krieges sei, als wenn Gott nur streng und unnachgiebig sei. Solch konfuses radikales Zeug wird heute in den Moscheen gepredigt, immer kreischend und brüllend, du kannst dir nur die Ohren zuhalten. Ja richtig, eifernd, weil sie ausschließlich von der Wahrheit ihres eigenes Glaubens überzeugt sind. Sie ereifern sich über Juden, Christen, Hindus und die Einflüsse des Westens. Halten sich für die Besitzer der einen Wahrheit, aber allzu große Gewissheit ist immer die Wurzel des Terrors.

 

Hat der Prophet, Gott segne ihn und schenke ihm Frieden, nicht gesagt: „Allah schaut auf euer Herz und eure Absichten?“ Einer unserer Naqshbandi-Scheiche hat neulich erklärt: „Der Islam wurde in den Augen der Welt wie ein wildes Tier, eine Bestie, die Schaden zufügt und die Rechte der Menschen verletzt. Wo sind die Muslime?“ Damit sprach er die Mehrheit von uns an, denn nur die Radikalen hören auf die Einflüsterungen des Teufels. Jede Religion hat ihre dunklen Seiten. Denk an die Auspeitschungen und Enthauptungen in Saudi-Arabien. Neulich hast du mir erzählt, dass die Politiker im Westen mit den saudischen Despoten gute Geschäfte machen. Auch die Politiker in Deutschland? Wie kann es sein, dass sie sich mit solch schlechten geldgierigen Menschen abgeben?

 

Ein Berliner Imam hat also gesagt: „Die Moschee der Salafisten ist das Internet?!“ Rasul [ein Pseudonym für den Gastgeber Babajis in der Basti] erzählte mir, dass Anhänger radikaler Dschihad-Bewegungen heute in den sozialen Netzwerken des Internet rekrutiert werden. Zuerst konnte ich das kaum glauben und auch nicht den Spruch, den du dort in einem al-Qaida-Magazin gelesen hast: „A bullet a day keeps the infidel away – Eine Kugel täglich, hält die Ungläubigen fern.“ Ist das wirklich wahr? Das ist so ungeheuerlich und menschenverachtend, als wenn Töten nichts als ein Spiel wäre. Ich benutze erst seit kurzem das Internet, aber hier in der Basti sehe ich junge Männer stundenlang vor diesen Apparaten sitzen. Als ich einen von ihnen fragte, was er dort suche, entgegnete er: „Du musst nur Scheich Google fragen, bei ihm findest du alles, was du wissen musst.“ Wenn sie Arbeit hätten, würden sie ihre Zeit wohl besser nutzen als für Dschihad- Webseiten und Videospiele. Sie hören den Koran im Fernsehen und empfangen Aussprüche des Propheten per SMS. Was für ein fake-Leben! Und sie schauen Pornos im Internet? Vor allem in Pakistan? Tauba, tauba. In Indien wird es nicht anders sein. Es stimmt, Männer reden oft schlecht über Frauen, ob bei Muslimen oder Hindus; sie demütigen Frauen und schänden sie auf furchtbare Weise. Du hast sicher von den Vergewaltigungen gehört, die hier in Delhi und anderswo passiert sind. Die Freiheit, die diese Männer selbst vermissen, betrachten sie als Unmoral. Aber ist die Freiheit des Einzelnen im Westen nicht auch ein Götze?

 

Respekt und Würde für Frauen

 

Jede Diskriminierung von Menschen ist mir zuwider. Auf meinen Reisen habe ich gesehen, dass die Leistungen von Frauen viel zu wenig anerkannt werden. Respekt und Würde sollten die Männer ihnen entgegenbringen. Wenn Frauen in Indien ihre Kinder großziehen, kochen, putzen und sich um ihre Familie kümmern, dann betrachten ihre Männer dies nicht als Arbeit. Ihnen erscheint dies als natürliche Bestimmung der Frauen. Ein sunnitischer Prediger aus Südindien hat erst neulich wieder öffentlich schwadroniert, dass Frauen keine geistigen Kräfte besäßen und sie nur Kinder gebären könnten. Du fragst nach der Gleichheit von Mann und Frau? Nein, das gibt es nicht, ihre Wesenszüge sind zu unterschiedlich, die Rose hat doch einen anderen Duft als der Jasmin, eine andere Farbe und eine andere Schönheit. Mann und Frau sollen sich vielmehr ergänzen. Frauen sollen aber über sich selbst bestimmen dürfen und eigene Entscheidungen treffen können. Sie sollen gleiche Chancen im Leben haben. Einige meiner Schülerinnen, die mich als ihren Psychotherapeuten betrachten, kommen aus der Elite, ihre Familien sind sehr wohlhabend, doch ihr moderner Lebensstil erscheint mir oft nur als eine Nachahmung des Westens. Die meisten dieser jungen Frauen aus den Vierteln der Reichen dürfen zu Hause genauso wenig ihre Meinung sagen wie die Frauen hier im Slum oder wie die Frauen der fetten Scheiche am Schrein. „Frösche im Brunnen“ hat man sie in einem Buch genannt? Das trifft wohl zu. Seit ihrer Jugend werden sie zu unbedingtem Gehorsam erzogen und nicht selten geprügelt. Frauen bleiben abhängig von ihren Vätern, Brüdern und Ehemännern. Immerhin herrschen ältere Frauen zu Hause manchmal wie Königinnen. Das sollte man nicht vergessen.

 

Gerne würde ich auch das Los der Hijras lindern. Du weißt, wie sehr sie im Alltag ausgegrenzt und diskriminiert werden. Von Übergriffen gegenüber Hijras habe ich gehört. Die Terroristen von Daesh, dem sogenannten „Islamischen Staat“, sollen im Irak und in Syrien Homosexuelle von Hochhäusern in den Tod gestoßen haben, sie töten hemmungslos aus reinem Spaß, köpfen Menschen wie Schafe und Ziegen. Sie kennen kein Erbarmen, Frauen behandeln sie wie Gegenstände. Was würden sie erst mit den Hijras tun? Hast du gehört, dass die grausamsten Morde von solchen Daesh-Leuten verübt werden, die aus dem Westen kommen? Diese Menschen werden in dem Ozean ihrer Sünden ertrinken. Ich stimme dir zu, sie berauschen sich am Töten, selbst bei Tieren kommt pure Mordlust nur selten vor. „Der Versuch, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, produziert stets die Hölle.“ Der Philosoph Karl Popper hat dies gesagt? Ich werde über diesen Satz nachdenken. Jedenfalls sind diese Eiferer wie Betrunkene, denen man aus dem Weg gehen sollte. Sie wurden als eine Geißel der Menschheit geschickt.

 

Unverstandene Vielfalt

 

Siehst du, unsere Sufi-Meister haben exzessive Gewalt deutlich kritisiert. Mit diesen Verblendeten, die unseren Islam in den Schmutz ziehen, sind sie hart ins Gericht gegangen. Wer im Namen Gottes Gewalt ausübt, handelt gegen dessen Willen, denn Gott ist der Barmherzige und Allerbarmer. Wie ich gelesen habe, sind die meisten der IS-Leute religiöse Analphabeten, deshalb sind sie so leicht verführbar. Verlorene und Abgehängte, die einer Utopie anhängen, die ihnen vermeintlich Erlösung bringen soll. Heute gibt es so viele selbstgerechte Strenggläubige oder besser „Scheingläubige“, die Vielfalt einfach nicht aushalten. Würden sie doch daran denken, was die Scheiche unseres Ordens sagen: „Die Wege zu Gott sind so zahlreich wie die Atemzüge Seiner Geschöpfe.“ Aber die Radikalen unter den Strenggläubigen hassen alles, was anders ist und anders aussieht, alles, was ihren Vorstellungen zuwiderläuft, wird vernichtet. Es sind Feinde der Menschheit. Dich würden sie einfach töten, weil du so viele Bücher besitzt. Wie sind sie nur zu solchen Mördern geworden? Du meinst, dass sie die Missachtung, die sie als Verlierer in ihrer Gesellschaft erfahren, durch die Ideologie des IS kompensieren?!

 

Würde in den muslimischen Ländern endlich Freiheit und Gerechtigkeit herrschen, dann gäbe es keinen Nährboden für Extremisten. Sicher, ich teile deine Meinung, dass die USA und ihre Verbündeten sich unablässig in die Politik der muslimischen Länder eingemischt haben und für all die Kriege mitverantwortlich sind. Sie werfen Bomben, töten zahllose Unschuldige mit ihren Drohnen und foltern. Und trotzdem reden sie ständig von Menschenrechten. Was für Heuchler sind sie nur! Sie selbst handeln als willige Diener der Religion des Geldes. Schau, den Menschen in Syrien, Irak, Afghanistan und Pakistan geht es jetzt viel schlechter als früher. Die USA und ihre Verbündeten besitzen die Macht und es scheint ihnen zu gefallen, uns zu demütigen; wir Muslime sind ohnmächtig. Die Guten leben anscheinend nur bei euch im Westen. „The West is best“, sagst Du? Aber Wasim, sei nicht ironisch und rege dich nicht auf, wir beide können diese Überheblichkeit nicht ändern.

 

Auf unserem mystischen Weg sprechen wir mit leisen Stimmen. Die Westophobie, wie Du sie nennst, gefällt dir bei den Muslimen auch nicht? Sicher, es gibt dieses Klischee, die Guten im Westen und die Bösen im Osten, deshalb haben so viele Menschen bei euch Angst vor uns. Und weil sie es nicht besser wissen, beleidigen sie uns und verspotten unseren verehrten Propheten. Der Westen sollte erst einmal seine eigenen Missstände kritisieren anstatt ständig über uns herzuziehen, meinst du nicht? Du magst also die Unterscheidung zwischen Ost und West nicht, weil sie aus der Zeit des Kolonialismus stammt, und trotzdem hast du selbst ja gerade vom Westen gesprochen? Siehst du, so reden die Menschen nun mal, sowohl in den USA und Deutschland als auch hier in Indien. Die Macht ist ungleich verteilt, das wirst du nicht abstreiten können!

 

Islamische Traditionen in Indien

 

Gestern, als ich der Einladung einer Familie von Schülern in der Nähe von Delhi folgte, ging ich auf dem Rückweg bei einem Mobile Charger vorbei, der ein Punjabi war. Er sprach mich wegen meines Bartes in seiner Landessprache an, ob ich wohl ein Sikh sei. Ich entgegnete, dass ich zwar einigermaßen gut Punjabi spreche, aber aus einer Kaschmiri-Familie stamme. Siehst du, all die Unterscheidungen nach der äußeren Erscheinung, nach Sprache und Religion sind unwichtig. Uns Babas sieht man oft gar nicht an, ob wir Muslime, Hindus, Sikhs oder Christen sind. Wir respektieren uns gegenseitig und sprechen miteinander. Siehst du, wir nennen den Hinduismus die Religion von Adam, einer unserer Naqshbandi-Meister hat die altindischen Veden gerühmt und der Moghul-Prinz Dara Shukoh, ein Mystiker des Qadiri-Ordens, hat, wie du weißt, heilige Schriften der Hindus ins Persische übersetzen lassen. Das hat den Islam in Indien über Jahrhunderte geprägt. Du nennst dies eine „symbiotische Mischkultur“?! Vielleicht stimmt das, aber nun kritisierst du gleich wieder die Scheiche unserer Bruderschaft und behauptest, viele von ihnen hätten diese volkstümliche Mischreligion von Islam und Hinduismus verdammt. Mein lieber Wasim, ihr Wissenschaftler seid komplizierte Menschen! Da geht es hin und her und vor und zurück mit euren Argumenten, da wird einem ganz schwindelig. Ja, es stimmt schon, mir passen die Ansichten mancher Madari-Fakire nicht und auch all das Geschrei, die Gesänge, das Trommeln und das Schreiben von Amuletten an Heiligenschreinen. Wenn die Menschen, die zu Shah Madar oder Nizamuddin Auliya pilgern, Muslime sind – darauf legst du ja großen Wert –, dann sind sie aber auch noch etwas mehr als das; … oder meinst du nicht? Erst in den letzten zwei Jahrhunderten soll sich das religiöse Klima in Indien grundlegend verändert haben? In einem gebe ich dir Recht: Die Differenzen zwischen den Muslimen unterschiedlicher Richtungen hier in der Basti, besonders zwischen Sufis und Tablighis, gefallen mir nicht. Das spaltet unsere muslimische Gemeinde.

 

Wir müssen Verantwortung übernehmen. Ich verabscheue das Lamentieren der indischen Muslime über ihr Schicksal. Jeder soll sich bemühen und ist selbst verantwortlich für sein Leben. Er muss nach den Geboten Gottes leben, aber er soll sich auch sexuell zügeln und nicht elf Kinder in die Welt setzen. Die Überbevölkerung ist der Anfang aller Probleme. Wie du sagst, der Druck auf unsere natürlichen Ressourcen ist so hoch, da wäre es besser, wenn weniger Menschen auf dem Subkontinent lebten. Aber Sanjay Gandhis Programm der Sterilisation war damals eine große Sünde. Erst brauchen die Menschen Bildung und müssen einsichtig werden; man kann Familienplanung nicht mit Gewalt erzwingen.

 

Wir Muslime in Indien sollten unseren Islam aus dem Geist des Korans wiederbeleben, so wie dies die Meister unseres Naqshbandi-Ordens getan haben. Du kennst die Geschichte der Sufi-Tradition. Aber weißt du auch, dass sie glühende Verehrer des Propheten waren? Sie folgten seinem Beispiel, dass ein Muslim in der Gesellschaft tätig sein und arbeiten soll. Jedem Sufi ist aufgetragen, die Erde und die Geschöpfe Gottes zu schützen und zu ehren. Aber er darf sich nicht völlig in die andere Welt des Unsichtbaren und der Engel zurückziehen. Das tun nur die Magier. Was wir verloren haben, ist die Harmonie zwischen dem Inneren und dem Äußeren. Die Meister haben uns gelehrt, in dieser Welt zu leben und die mystischen Erfahrungen auf dem Sufi-Weg mit der Scharia zu verschmelzen. Das gefällt mir an den Tablighis. Auch sie verehren den Propheten und legen Wert auf spirituelle Disziplin.

 

Ich schätze die Einfachheit der T ablighis, die sie vorleben. Sie predigen die religiösen Grundpflichten, die Basics des Islam – Beten, Fasten und die Pilgerfahrt nach Mekka. Viele Muslime vernachlässigen diese heute. Du magst die Tablighis nicht, weil sie totale Unterwerfung fordern, die Freiheit einschränken und einen Keil zwischen Muslime und Hindus getrieben haben? Das hast du schon mehrfach deutlich gesagt. Du nennst sie Weltverbesserer, die einen keimfreien Islam predigen?! Ich weiß, dass du darüber lachst, wie sie ihre Hosen bis über die Knöchel hochziehen und beim Barbier sitzen, um ihre fusseligen Bärte trimmen zu lassen. Doch vergiss nicht, dass sich die Tablighis gegen den Materialismus wenden und betonen, dass man sich nicht an diese Welt verlieren soll. Das gefällt mir an ihnen. Vielleicht bräuchten auch die Menschen im Westen eine solche Bewegung der Wiederbelebung ihres Christentums?! Säkularismus ist so radikal. Hochmut, der nur sich selbst gelten lässt. Sie nehmen sich selbst so wichtig, sind so ehrgeizig, aber auch ängstlich – uns geht es dagegen um die Befreiung vom Ich.

 

Du sagst, dass sich die Menschen im Westen vor der Scharia fürchten? Dann haben sie unser islamisches Rechtssystem missverstanden. Die Scharia ist doch die breite Straße, die zu Gott führt – den schmaleren Pfad der Sufis können nur wenige beschreiten. Das heilige Wissen des göttlichen Gesetzes zu ignorieren, ist einer der einundzwanzig schweren Fehler, vor denen die Scheiche unseres Ordens warnen. Welche sind denn die Quellen unserer Moral und Ethik, die das menschliche Leben ordnen? Der edle Koran und die Überlieferungen des Propheten. Die Gelehrten haben diese Normen seit der Frühzeit des Islam interpretiert und an die bestehenden Lebensverhältnisse der Menschen angepasst. Kern der Scharia sind doch die Gebete, das Fasten, die Pilgerfahrt und das Almosengeben. Warum ängstigen sich die Menschen im Westen davor? Die Scharia gilt doch für alle Muslime, natürlich auch für diejenigen von uns, die in Sufi-Orden initiiert wurden. Als ich im Westen lebte, fragten mich meine deutschen und amerikanischen Bekannten, wann immer das Wort Scharia fiel, als Erstes nach den Körperstrafen. Sie hatten nur vom Abhacken der Hände gehört, sonst wussten sie nichts. Ich musste ihnen erst erklären, dass dies weitgehend abgeschafft worden sei. Deine Einwände verstehe ich. Während der Taliban-Herrschaft in Afghanistan kam es häufig zu Exekutionen und Amputationen. Menschen werden nicht nur von den IS-Barbaren geköpft, sondern auch von den Saudis, sagst du? Sie haben nicht genügend Henker in ihrem Land? Davon höre ich zum ersten Mal. Die Essenz der Scharia, ihr wahrer Kern, ist aber in jedem Fall die Gerechtigkeit, es geht darum, unseren Nächsten Gutes zu tun. Und das Gebet gehört dazu. Die Scharia ist überhaupt die ideale Richtschnur des Handelns für alle Muslime, sie prägt unsere Seele, sie verleiht jedem menschlichen Tun eine Dimension des Transzendentalen. Sie aus dem Körper des Islam zu entfernen, wäre eine Amputation! Salafisten, Wahhabiten und Extremisten haben die Scharia bloß pervertiert. Auch viele Sufis folgen ihr nicht mehr, sondern raffen Geld und Land zusammen. Du sagst, die Ideologie der Salafisten sei eine Culture-Free-Religion. Ein vortrefflicher Ausdruck.

 

Zum Autor:

Jürgen Wasim Frembgen ist Ethnologe, Islamwissenschaftler, Hauptkonservator und Leiter der Abteilung Islamischer Orient am Museum Fünf Kontinente in München.