Theodor Rathgeber
Editorial Südasien 2/2017

Liebe Leserinnen und Leser,

 

Das Thema 70 Jahre Teilung des indischen Subkontinents findet in vielerlei Medien seinen Niederschlag. So widmet sich die Ausgabe 180 der Zeitschrift SÜDLINK vom Juni 2017 (siehe auch die Anzeige auf der Umschlagseite) in einem Dossier vor allem der indischen Perspektive. Die Beiträge im vorliegenden Heft 2-2017 von SÜDASIEN beschreiben teilweise eher ungewohnte Blickwinkel auf die Geschichte und gehen der Frage nach, was aus dieser Teilung als Herausforderung an die Gestaltung des Hier und Heute erwächst. Wie tief das feindselige Element in den Beziehungen zwischen Pakistan und Indien sitzt, können wir an den aktuellen Nachrichten ermessen. Nach dem vermeintlichen Neustart in den indisch-pakistanischen Beziehungen zwischen Premierminister Narendra Modi und seinem Kollegen Nawas Sharif kurz nach Modis Amtseinführung 2014 scheinen die Bemühungen um einen bilateralen Dialog nach zwei Jahren schon wieder gescheitert. Dialoge gibt es, wie zwei Artikel berichten, aber abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit. Vermutlich ist das eher gut so.

 

Die zunehmend aufgeheizte Stimmung in beiden Ländern auf der Grundlage nationalistisch-fundamentaler Leitbilder schwappt an einigen Stellen gefährlich nahe in eine kriegerische Rhetorik über. Wenn Hannah Arendts Annahme vom „tiefen Staat“, das heißt der Fortsetzung alter Denkmuster über zeitgenössische Diskurse stimmt (Between Past and Future: Eight Exercises in Political Thought, 1961/1993), dann reichen die Aversionen deutlich weiter zurück als zum Zeitpunkt der Staatsgründung. Die Teilung 1947 und die nachfolgenden Entwicklungen haben für die Zwietracht der heutigen Staaten über grundlegende Fragen gesellschaftlicher Organisation lediglich eine neue Plattform geschaffen. Die jeweilige Eigenwahrnehmung als Opfer ist außerdem eine willkommene Projektionsfläche für das eigene Scheitern.

 

Die Zwietracht weist mit mindestens einem Finger auch auf verantwortliche Kräfte auf Seiten des kolonialen Imperiums hin. Es war nicht das erste und leider nicht das letzte Mal im Zusammenhang der britischen Kolonialherrschaft, dass Zirkel und Lineal die wesentlichen Instrumente für die Architektur neuer Staaten darstellten. Verblendung und einseitige Interessen scheinen geradezu ein gestaltendes Prinzip auf Seiten wirkmächtiger Staaten zu sein, wenn die Welt neu geordnet wird. Nicht zuletzt bei Staaten des Abendlandes, das sich viel und gerne auf die Tradition der Aufklärung beruft. Die Aufteilung Europas nach ethnischen Siedlungsgebieten nach dem I. Weltkrieg oder das Aufsplitten von Bosnien-Herzegowina 1994 in ethnisch getrennte Teilrepubliken hatten vor allem ein Ergebnis: die Vertiefung der Feindschaften und den Vorrang gewaltförmiger Konfliktbearbeitung. Für Sri Lanka ist zu hoffen, dass dortige Verantwortliche diese Lehre nicht übersehen. Wer SÜDASIEN regelmäßig liest, hätte zumindest Anhaltspunkte zur Verfügung, dieser Gefahr zu begegnen.

 

Das Südasienbüro gratuliert der Andheri Hilfe zum 50-jährigen Bestehen!

 

Im Frühjahr 2017 ist Bonn noch ein Stück südasiatischer als sonst: die Basketballer der Baskets und Muni Aththa strahlen mit einem roten Punkt auf der Stirn von Plakatwänden, kurze Clips laufen auf den U-Bahn-Bildschirmen, und auf dem Münsterplatz werden südasiatische Tänze aufgeführt. Grund hierfür ist die Jubiläumskampagne „Dein Punkt gegen Armut und Unterdrückung“ des Bonner Vereins Andheri Hilfe e.V., der sich seit nunmehr 50 Jahren mit vielfältigen Projekten in Indien und Bangladesch engagiert. Gegründet von der ehemaligen Lehrerin Rosi Gollmann fördert der Verein im Jahr um die hundert Projekte.

 

Wir gratulieren herzlich zu diesem Jubiläum, freuen uns auf die weitere, gute Zusammenarbeit der Bonner Südasien-Vereine und sagen: Weiter so!!

 

Infos zur Kampagne unter: http://www.dein-punkt.org/

 

Zwei Bemerkungen in eigener Sache: das Deutsch-indisch-pakistanische Forum hat beschlossen, den Verein aufzulösen und das Engagement gegebenenfalls individuell fortzusetzen. Das Südasienbüro hat vor dem Jahr 2010 einige gemeinsame Veranstaltungen mit dem Forum durchgeführt. Wir bedauern den Verlust in Form der Vereinsauflösung, selbst wenn der Verein das Südasienbüro großzügig mit rund 500 Euro aus dem verbliebenen Vereinsvermögen berücksichtigt. Dafür herzlichen Dank!

 

Erfreulich ist die Nachricht, dass die Halbjahreszeitschrift „Meine Welt“ die Nachfolge von Jose Punnamparambil regeln konnte. Jose Punnamparambil wird der Zeitschrift natürlich erhalten bleiben, aber den größeren Teil der Redaktion wird in Zukunft Rainer Hörig bewerkstelligen. Ich wünsche Rainer von dieser Stelle aus gutes Gelingen!

 

Dieses Mal haben wir auch einige Literaturbeiträge zusammen getragen, und so wünsche ich insgesamt eine anregende Lektüre,

 

Theodor Rathgeber

Südasien 2/2017