Theodor Rathgeber und Christina Kamp
Editorial Südasien 3/2017

Liebe Leserinnen und Leser,

Tourismus als Schwerpunktthema in SÜDASIEN kam das letzte Mal im Heft 1-2007 zur Sprache. Wenig erstaunlich: Auch damals schon boomte die Tourismusindustrie in der Großregion. Mit all den Begleiterscheinungen, die für die Anreisenden so bequem und entspannend wirken, für die Anwesenden meist mit drastischen Einschnitten in ihren Lebensalltag und ihre Umgebung einher gehen. Der Roman von Kashinath Singh Mohalla Assi (vorgestellt in diesem Heft) bringt eine der tiefgründigsten Änderungen im Gefolge des Tourismus zur Sprache: die zwanghafte Schnelligkeit des marktgesteuerten Umschlags von Mensch und Natur in kaufbare Güter. Die Romandarstellung aus dem heutigen Varanasi liest sich wie eine Erzählung aus einer anderen Welt.


Damit diese nicht völlig zum Verschwinden gebracht wird, engagieren sich weltweit Menschen, Ortsansässige und Auswärtige, die nicht nur das Besondere des lokalen Ortes betonen. Es mehren sich die Initiativen, die aus dem kurzzeitigen Besuch in der Fremde einen für alle nachhaltigen Aufenthalt herbei führen wollen. Laut Bericht zu Bangladesch muss dazu das Rad nicht neu erfunden werden. Eigentlich liest sich das Herangehen an eine nachhaltige Förderung des Tourismus in der Berglandschaft der Chittagong Hills geradezu simpel. Weil es so einfach scheint, wird das Wirkungsvermögen der Routinen und Zwänge im rein kommerziell betriebenen Tourismus umso deutlicher. Ein Bagger vor dem Fenster des Ferienbungalows verspricht in nächster Zukunft noch mehr non-chalante Auszeit, auch wenn im konkreten Fall das ursprünglich Attraktive, das farbenfrohe Korallenriff, verblasst.


Umgekehrt lässt das Bemühen um eine Vorrangstellung für die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung in den Chittagong erahnen, wie aufwendig es ist, naturräumliche, soziale, wirtschaftliche und politische Interessen aufeinander abzustimmen. Und: Es gibt keine Blaupause, es braucht Zeit, das Ende ist nicht garantiert sondern offen, Rückschläge kommen vor. Die herkömmlichen Investor(inn)en fürchten die Risiken ihrer Unternehmung und lassen es alle lauthals wissen. Angesichts der Unwägbarkeiten für die lokale Bevölkerung scheint dieses Denkmuster geradezu als kleines Karo.
Immerhin: die alternativen Ansätze zum Tourismus schaffen es inzwischen in die Salons der Arrivierten. Regionale Veranstalter werben mit dem Siegel der Nachhaltigkeit. Im Rahmen internationaler Messen wie der Tourismusbörse in Berlin mehren sich zumindest die Diskussionsforen, die den Boom kritisch untersuchen und den Alternativen einen Raum zur Selbstdarstellung eröffnen. Auch die Schattenseiten des orthodoxen Tourismusbetriebs bleiben nicht länger nur den Insidern zugänglich. Die Betroffenen haben die Möglichkeit, vor international besetzten Tribunalen ihr Anliegen vorzutragen, (völker-) rechtlich würdigen zu lassen, solidarische Unterstützung zu verabreden, eine bessere Abwehrstrategie mit Gleichgesinnten auszubaldowern oder eine günstigere Verhandlungsgrundlage mit den Störenfrieden zu erarbeiten. Es ist jedoch noch eine längere Wegstrecke, bis die Bilder zum gängigen Tourismus alle Facetten einschließen und in das öffentliche Bewusstsein vordringen. SÜDASIEN geht diesen Weg gerne mit.


Über die Wirkmächtigkeit von Bildern muss nicht geschrieben werden. Es erstaunt aber immer wieder, wenn ein- und dieselbe Person vom eigenen Erleben so offensichtlich abstrahieren kann und rhetorisch zu gänzlich anderen Ergebnissen kommt. Der noch amtierende deutsche Innenminister besuchte 2013 Afghanistan. Ein berühmt gewordenes Bild zeigt Thomas de Maizière mit Stahlhelm und dicker, schusssicherer Weste in Begleitung eines behelmten und schwer bewaffneten Kofferträgers. So sicher war das Land schon damals. Die jüngste Einschätzung des Auswärtigen Amtes zur Lage in Afghanistan verdeut­licht allerdings, dass die Blindheit sich nicht auf eine einzelne Person und auch nicht auf eine einzige parteipolitische Sichtweise beschränkt. Dies alles hat System. Dass die Amtierenden SÜDASIEN mit gesättigten Informationen zum Land nicht lesen, mögen wir ihnen verzeihen. Dass sie wider besseres Wissen menschen- und völkerrechtliche Garantien für Schutzsuchende überdehnen, um es vorsichtig zu formulieren, ist ein Skandal.


Mit Hoffnung verknüpfte Spannung spricht hingegen unter anderem aus zwei Artikeln zu Nepal. Aus der Konferenz des Nepal-Dialogforums im März 2017 entstanden insgesamt vier Texte (siehe auch Heft 2-2017), die bei aller Erkenntnis über die titanische Aufgabenstellung das Potenzial der Veränderung plausibel herausarbeiten und bewerben.

In dieser Grundstimmung wünschen wir insgesamt eine anregende Lektüre,

Christina Kamp

Theodor Rathgeber

Südasien 3/2017