Johanna Hahn
Im Spannungsfeld von Tradition und Tourismus
Kashinath Singhs Roman Mohalla Assi (kashi ka assi)

Jahr für Jahr pilgern Hunderttausende Touristen in die „heilige Stadt“ am Ganges. Varanasi, auch bekannt als Kashi oder Banaras, ist für ihre Verbrennungsstätten (Ghats), die engen Altstadtgässchen und den Vishwanath-Tempel berühmt. Doch wie tickt die Stadt hinter der touristischen Fassade? Der folgende Text gibt eine literarische Antwort auf diese Frage.

Der Hindi-Autor Kashinath Singh (geb. 1937) zoomt in seinem Roman Mohalla Assi (kashi ka assi, 2002) in die lokale Lebenswelt eines der ältesten Viertel von Varanasi, Assi, hinein. Das Buch, das aus fünf Episoden besteht, folgt keiner stringenten Handlung. Stattdessen eröffnen Gespräche, Geschichte, Parabeln und Gedichte Einblicke in die Alltagskultur von Assi. Dreh- und Angelpunkt ist eine Teebude auf der Assi Road, wo sich die Einheimischen bei Chai (oder Bhang) treffen und Neuigkeiten austauschen, aktuelle politische Entwicklungen diskutieren, aber auch Zoten und Gerüchte zum Besten geben und über ausländische Touristen herziehen. Was den Roman so interessant und anspruchsvoll zu lesen macht, sind seine widerstreitenden Tendenzen: Zum Einen etabliert der Erzähler (und die Erzählstruktur selbst) eine „authentische“, gleichsam hermetische Lebenswelt, die sich durch bestimmte Praktiken und Werte auszeichnet. Gleichzeitig arbeitet er sich mit satirischen Mitteln an dieser vermeintlich traditionellen Lebenswelt ab, indem er sie als Produkt einer hausgemachten Vermarktung beschreibt. „Tradition“ ist der Ball, der in diesem ambivalenten Bedeutungsfeld zwischen Ursprünglichkeit und deren Kommerzialisierung hin- und hergespielt wird.


Im ersten Kapitel klassifiziert der Erzähler, ein Alter Ego des Autors, dieses spezielle Milieu der „Assianer“, indem er die „Ureinwohner“ (adivasi) beschreibt. Diese pflegen einen ausgeprägten Lokalpatriotismus, der vor Selbstzufriedenheit nur so strotzt. Zudem wird jeder und jede – ohne Rücksicht auf Status oder Herkunft – auf dieselbe Art und Weise begrüßt:


Der Ausruf „Har Har Mahadev“ gefolgt von „zur Fotze“ ist hier die übliche Begrüßung. Ob zum Dichterwettstreit an Holi oder nach dem Ende der Ausgangssperre, egal, ob es sich um einen Minister handelt oder ein splitternacktes Kind, das einem Esel hinterherjagt – bis hin zu hohem Besuch von George Bush, Margaret Thatcher oder Gorbatschow, für alle (Kashi Naresh ausgenommen) gilt „Har Har Mahadev…“
Der einzige Unterschied ist, dass der erste Teil noch Überwindung kostet, während der zweite ganz von selbst hinterherflutscht. (S. 11)


Der Assianer hat die Zeit gepachtet: „Nach dem Motto ‚Soll mich die Welt doch am Arsch lecken‘ in aller Seelenruhe herumschlendern: Dieser Gestus ist seine Visitenkarte.“ (S. 11) Doch Zeit, Gemütlichkeit und unterhaltende Frotzeleien, so lernt der Leser im Laufe des Buches, sind seit den 1980er Jahren den zersetzenden Einflüssen von neo­liberaler Marktwirtschaft und Globalisierung ausgesetzt: „Alle rennen wie blöde, aber wohin nur, zur Fotze noch mal? Man könnte denken, alle hätten eine Zündschnur im Arsch. Und guck dir bloß die Gesichter an! Siehst du da auch nur einen Funken Freude? Sag doch mal, Kaushik, früher hatte der Mensch doch einen Schwanz, warum ist der weg? Tiere haben ihn doch auch noch.“ (S. 149)


In Stellungnahmen zum Thema Fortschritt und dessen sichtbarstem Symptom, der zwanghaften Schnelligkeit, tut sich besonders Tanni Guru mit Bauernschläue und schnoddrig vorgetragener Selbstzufriedenheit hervor:


Meinte mal ein Mann zu Tanni Guru, der an der Kante von seinem Laden saß und die Beine baumeln ließ, an den Füßen steckten Gandhi-Latschen: „In welcher Welt lebst du bloß, Guru?! Amerika schickt jeden Tag einen zum Mond und du hast seit einer Stunde nichts Besseres zu tun, als deinen Pan geschmeidig zu lutschen?“ Mit einem „Fatsch“ spukte der Guru den Pan aus und sagte: „Jetzt merk dir mal eins! Ob Mond oder Sonne, wer zur Fotze was will, soll gefälligst selbst anrücken. Tanni Guru jedenfalls bewegt sich keinen Zentimeter vom Fleck. Kapiert?“ (S. 11)


Genau diese „Seelenruhe“ macht Assi (und Banaras) schließlich auch für die Touristen so attraktiv. Larheram, auch „Barber Baba“ genannt, da er vor seiner Karriere als weltbekannter Tantriker als Friseur gearbeitet hatte, zieht seine eigenen Lehren aus der Globalisierung. Während er mit den Ausländern viel Zeit und den ein oder anderen Joint am Ghat teilt, stellt er fest, dass es zwei Gruppen von Touristen gibt, die beide nicht viel miteinander zu tun haben. Da gibt es einmal die, die in erstklassigen Hotels schlafen und sich herumkutschieren lassen und dann gibt es die 30- bis 35-Jährigen, die in Kurta und Lungi gekleidet am Ghat oder auf den Bürgersteigen abhängen und den lieben langen Tag am Chai nippen (S. 105). Ob die wirklich vor „Maschinen“ und „Geld“ aus ihrer Heimat geflüchtet seien, fragt sich Larheram und kommt zu dem Schluss, dass Zivilisationsmüdigkeit und Kapitalismuskritik nicht die einzigen Gründe für die jungen Leute sein könnten, um scharenweise nach Banaras zu pilgern. Er ist der Meinung, hier bekämen sie für einen geringen finanziellen Aufwand die Anerkennung und Wertschätzung, die ihnen in ihrer Gesellschaft versagt bliebe: „Hier tun sie sich ausgerechnet mit den kleinen Leuten zusammen! Kann sein, dass es noch andere Gründe geben mag, aber fest steht, dass sie weder von den höheren Kasten noch in ihrer Heimat so umsorgt und respektiert werden würden wie von denen.“ (S. 106) Larheram erweist sich im Folgenden als tüchtiger Geschäftsmann, als er zusammen mit seiner ausländischen Frau Catherine einen Aschram für die Aussteiger und Sinnsucher aus dem Westen gründet und seinem Spitznamen, frei übersetzt „Ram ‚Pinkepinke‘ Sharma“, alle Ehre macht.


Dieses Beispiel verdeutlicht die Reibungen, die zwischen der „authentischen“ Lebensweise und ihrer Konsumierung durch die ausländischen Touristen entstehen. Die dritte Episode mit dem Titel „Das Assi der Heiligen, Unheiligen und Volltrottel“ (santom, asantom aur ghomghabasantom ka assi) rückt die Beziehung zwischen „Assianern“ und Ausländern und damit auch die Auswirkungen der Globalisierung auf das Leben der Einheimischen noch stärker ins Blickfeld. Zu Beginn behauptet der Erzähler, Assi Ghat sei zum Sklaven von Miami verkommen; das Viertel geographisch aufgeteilt zwischen Ausländern, die sich am Ghat aufhalten und den Einheimischen an der Kreuzung (wo sich auch Pappus Teeladen befindet). Die Schlüsselszene der Rahmenerzählung befindet sich am Ende des Kapitels. Catherine, Larherams Frau, besucht Pappus Teeladen, da sie für ihr neustes Buch über Banaras Informationen über Assi benötigt. Im Gespräch lässt sie die anderen wissen, dass Varanasi, wie man es kennt, ihrer Meinung nach dem Untergang geweiht ist. Dieses harte Urteil, noch dazu von einer Fremden, ist der Auslöser für Dr. Gaya Singh – eine weitere Persönlichkeit von Assi und Schirmherr des jährlichen Dichterwettstreits – die Ausländer und alle, die am Tourismus verdienen, für den Tod der Stadt verantwortlich zu machen.


Seine Klage schwillt zu einer umfassenden Kritik an, die sich gegen „Amerika“ und alles richtet, wofür es steht, allen voran den aggressiven Finanzkapitalismus. Die Zeichen der ökonomischen und kulturellen Überfremdung sieht Gaya Singh im allgemeinen Kultur- und Werteverfall, der sich im Drogenkonsum, der Korruption der örtlichen Jugend und in der arroganten Haltung der Ausländer zeigt. Auf den Einwand des am Gespräch beteiligten Dinbandhu hin, nur die wenigsten Ausländer in der Stadt seien Amerikaner, entgegnet Singh zynisch:


„Die wenigsten?!“ Gaya Singh lachte. „Hast du mal registriert, was in den Gassen los ist? Da rollt der Dollar! Dinbandhu, der Dollar ist Amerikas Zunge. Erst leckt sie ein Land nur ab, so zärtlich wie eine Kuh ihr Kalb. Wenn die Haut sich langsam abschält, dir das Fell über die Ohren gezogen wird, und es so richtig schmerzhaft wird, wenn auf der Zunge Widerhaken auftauchen und die Kiefer nur so knirschen und knacken, dann dämmert dir langsam, dass diese Zunge keiner Kuh gehört, sondern irgendeinem anderen Tier. Und bevor du’s dich versiehst, hat es ein Land nach dem anderen geschluckt, auch solche wie die Sowjetunion – da ist ein Viertel doch ein Klacks dagegen! (S. 112)


Gaya Singh wirft auch seinen Leuten Selbstgerechtigkeit vor – alle hielten sich und Assi für den Nabel der Welt, dabei hätte keiner im Blick, was in der Stadt vor sich gehe. Hätten sie denn eine Ahnung, wie viele Häuser in der Nachbarschaft bereits Ausländern gehörten, wie viele falsche Ehen zum Zwecke von Visa-Verlängerung geschlossen würden, und wie viele Internet-Cafés eröffnet hätten, die nur den Fremden zunutze kamen? Er gibt zu bedenken, dass die Globalisierung in Wahrheit ein Prozess sei, der lediglich eine Richtung kenne:


„Also das verstehen wir unter Globalisierung. Die können kommen und gehen, wie es ihnen gefällt, und so lange bleiben, wie sie Lust haben, aber wir? Haben wir die Möglichkeit, auch nur ein einziges Mal nach Amerika zu reisen? Unser Zuhause ist ihr Zuhause, aber ihr Zuhause ist nur ihres, da hört die Freundschaft auf. Und, wir haben’s gerade erlebt, ein paar Tage später sagen sie: ‚Assi geht vor die Hunde, gebt’s uns, wir polieren’s auf, dass es nur so blitzt! Morgen kommt Banaras dran, übermorgen kümmern wir uns um Delhi und überübermorgen schaukeln wir das ganze Land.‘ Hinterher weiß man, ob man in Yashodas Schoß gelandet ist oder in Putanas!“ (S. 112f)


In diesem Zitat, das die populäre Krishna-Legende zur Illustration heranzieht, drückt sich Gaya Singhs tiefes Misstrauen gegenüber äußeren, zunächst verlockenden Einflüssen aus. Mehr noch, daraus spricht gar die Angst vor kultureller Unterhöhlung durch neokoloniale Mächte, versinnbildlicht in der alles verschlingenden amerikanischen Dollar-Zunge. Auch in dem dieser Mahnrede unmittelbar folgenden Gleichnis berichtet Gaya Singh vom Königsspross Kashi Naresh, dessen ausgiebiger Fleischkonsum gefährliche Züge annahm, als der Prinz auf den Geschmack von Menschenfleisch kam und niemand es wagte, ihm Einhalt zu gebieten (S. 113-115). Gaya Singh zieht in einem moralischen Fazit Parallelen zur heutigen Situation und konstatiert trocken, dass der menschenfressende Königssohn im aktuellen Zeitalter, dem verdorbenen Kaliyuga, Herrscher von Amerika sei und die Feiglinge, die damals vor ihm geflohen waren, statt ihn dingfest zu machen, niemand anderes als die Bewohner von Assi. Die Kritik am Ausverkauf des Viertels fällt in Gaya Singhs Kritik auf die Bewohner selbst zurück: Schließlich steckt in dieser ernüchternden Aussage die Erkenntnis, dass globale Phänomene wie der Kulturtourismus und Kapitalismus nicht nur „von oben“ oktroyiert werden, sondern an Orten wie Banaras gerade auch entstehen.


Das bringt vor allem die Hüter und Verwalter der Tradition in Gewissensnöte, die Brahmanen. Die vierte Episode des Bandes mit dem Titel „Was hat dich da bloß geritten, Pandey?“ (S. 116-132) rückt die private Lebenswelt des Astrologen und Sanskrit-Gelehrten Pandey Dharmnath Shastri in den Mittelpunkt der Erzählung. Er und seine Frau werden mit der Bitte konfrontiert, eine junge Französin bei sich wohnen zu lassen, mit der sein Bekannter Kanni Guru eines Tages vor der Tür steht. Bereits die Wegbeschreibung von der bekannten Kreuzung zum Haus des Pandits veranschaulicht, wie stark das Altstadtbild von den auf Kulturtourismus zugeschnittenen Herbergen und Aushängeschildern geprägt ist, die mit Turbo-Sprachkursen für „A-Grade Pandits“ werben (S. 117). Statt einer freundlichen Begrüßung entfährt der Hausherrin eine Schimpfsalve, die Kanni Guru anschließend äußerst diplomatisch für die des Hindi nicht mächtigen Madeleine übersetzt:


„Wo gabelt dieser Enkel von einem Mistkerl bloß immer wieder neue Huren auf?!“, polterte die Frau des Pandits los. „Schleich dich, sonst hab ich nur Ärger am Hals.“
Die Ausländerin blickte Kanni fragend an.
„Vielen herzlichen Dank, aber wir können nicht bleiben“, sagte Kanni und machte es der Französin auf seine Art verständlich: „Sie heißt uns willkommen und will, dass wir reinkommen, aber der Meister ist nicht zu Hause. Er ist sicher gerade Mahishasurmardini, Hanuman und Durga einen Besuch abstatten. Very Highclass Devoty!“ (S. 117f)


Bei einem nächsten Treffen belächelt Pandey Shastriji den Wunsch der Touristin, Sanskrit zu lernen, schließlich lasse sich die „Stimme der Götter“ (devvani) nicht in ein paar Monaten erlernen, sondern erfordere ein gesamtes Leben, auch wenn die vielen Halsabschneider in Banaras (darunter viele seiner Schüler, wie er offen zugibt) etwas anderes behaupteten. Doch allmählich treten die berufsethischen Bedenken in den Hintergrund – die ohnehin recht fadenscheinig wirken; bietet der Pandey laut Aushängeschild doch selbst diese Art von Turbokursen an – und er denkt offen darüber nach, auch unter die Gastgeber zu gehen. Seine Frau wirft ihrem Mann empört Doppelmoral vor, schließlich verstoße er gegen seine eigenen moralischen Prinzipien (S. 123). Sie erinnert ihn daran, dass die Ausländer in seinen Augen bis vor kurzem nichts weiter als Barbaren und Tiere waren, welche die Kinder des Viertels verdarben und für den Verfall von Recht und Ordnung verantwortlich seien. Der Shastriji versucht seine Frau umzustimmen, indem er ehrenwerte Gründe aufzählt, weshalb sie Madeleine bei sich wohnen lassen sollten, etwa, weil sie sonst als weiße Frau potenziellen Gefahren ausgesetzt wäre. Doch erst als er die 15.000 Rupien ins Spiel bringt, die sie monatlich verdienen würden, legt sich plötzlich der Widerstand seiner Frau. Die Aussicht auf üppige Einnahmen, die sich positiv auf den Lebensstandard auswirken dürften, spielt keine ganz unwichtige Rolle für den Sinneswandel.


Dieser von außen betrachtet unproblematische Fall fördert aus der lokalen Perspektive die Spannungen und Konflikte zutage, die unter der Oberfläche der „heiligen Stadt“ brodeln. In diesem Streitgespräch wird nämlich deutlich, unter welchem Druck sich die alten Eliten, Pandits und Priester, sehen. Ein Grund für diese Spannungen, folgt man dem Erzähler, liegt im weit verbreiteten Paying-Guest-Modell, mit dem seit Mitte der 1980er Jahre die unteren Kasten zu Wohlstand gekommen sind (S. 116ff). Brahmanen, die aus Gründen der Reinhaltung ihrer religiösen Werte und Sitten keine „Barbaren“ (mlecchas) bei sich aufnahmen (und die fleischessenden und verlotterten Ausländer erfüllten alle Kriterien dafür), mussten bald mit ansehen, wie sie ökonomisch ins Hintertreffen gelangten, während die Söhne und Töchter der Fischer und Fährmänner immer mit den neuesten technischen Geräten und modischen Accessoires aufwarten konnten.


Doch auch die Brahmanen leisten einen Beitrag zur sozialen Umwälzung und tragen zur schleichenden Herabsetzung ihres Status bei. Nicht nur verdienen sie an der Massenware „Tradition“, sie untergraben mit der Demokratisierung und Säkularisierung der heiligen und einst geheimen Sprache Sanskrit ihre Legitimationsgrundlage – schließlich hatten traditionell nur kleine Kreise von Gelehrten und Priestern Zugang zu dieser Sprache, der ihren Machtstatus an der Spitze der gesellschaftlichen Hierarchie sicherte. Bedenkt man, dass Brahmanen traditionell die höchsten Werte und Verhaltensnormen der Gesellschaft repräsentieren und kontrollieren, erscheint die Aufnahme eines mlecchas im Haus eines Brahmanen im Grunde wie eine Kapitulationserklärung an die „neue Zeit“. Das Buch zeugt also nicht nur von dem zerstörerischen Einfluss der Tourismusindustrie auf das Leben der Einheimischen in Assi, sondern auch von der sozialen Dynamik, die vom Tourismus ausgeht. Die Umwälzung der traditionellen Gesellschaftsordnung durch neue Einnahmequellen wie dem Paying-Guest-Modell bietet sozial benachteiligten Gruppen die Chance zum Aufstieg, während konservative Milieus einen Statusverlust erleben.


Um der drohenden „globalen Gleichmacherei“ etwas entgegenzusetzen, besinnen sich die Assianer ihrer traditionellen Werte, Weltbilder und Praktiken, die dem neoliberalen Fortschrittsdenken entgegenstehen: Zeit und Langsamkeit, nicht zweckgebundene oder zielführende Kommunikation, die Pflege nachbarschaftlicher Beziehungen, Humor und Spaß als Ventile gegen alle möglichen inneren und äußeren Zwänge. Der vielschichtige Umgang mit Umgangssprache und Dialekt sowie die Einbindung lokalen Wissens lassen das Bild von Banaras als schützenswertes Biotop jenseits touristischer Klischees entstehen. Die Bewohner von Assi widersetzen sich in ihrem Selbstverständnis der kulturellen Überformung durch Neoliberalismus und Tourismus. Paradoxerweise sind sie selbst an der Massenvermarktung ihrer traditionellen Kultur beteiligt. Tradition ist ein zweischneidiges Schwert, welches das Besondere, das Authentische des Viertels ausmacht und gleichzeitig ein Produkt seiner eigenen Vermarktungsindustrie ist.


Singhs Roman schildert aus Sicht der einheimischen Bewohner ein Problem, das uns so auch in europäischen Touristenstädten wie Venedig oder Barcelona begegnen könnte: Touristen, die das Besondere einer Stadt zu erleben begehren, werden zur potenziellen Gefahr für ebendiese besondere einheimische Lebensart. Bei aller satirischen Überspitzung lässt sich der Roman deshalb auch als Ausdruck einer neuen Sehnsucht nach dem „Lokalen“ lesen, die aus der Skepsis gegenüber den vermeintlichen Segnungen des globalen Kapitalismus erwachsen ist.

 

Zum zitierten Autor
Kashinath Singh, geboren 1937 in Jiyanpur (Uttar Pradesh), schreibt seit den 1960er Jahren Erzählungen, Romane und Memoiren auf Hindi und lebt in Varanasi. Der jüngere Bruder des in Literaturkreisen bekannten Kritikers Namwar Singh war lange Zeit an der Banaras Hindu University als Hindi-Professor tätig. Für den Roman Rehan par Ragghu erhielt Kashinath Singh 2011 den hochdotierten Sahitya Akademi Award, den er jedoch 2015 aus Protest über die Reaktionen der Sahitya Akademi und der Regierung auf den Mord an dem südindischen Schriftsteller M.M. Kalburgi und einem anderen religiös motivierten Lynchmord zurückgab.

Seine Banaras-Chronik Kashi ka assi genießt bis heute ungebrochene Popularität. Der Stoff des Romans wurde in einem Theaterstück und Kinofilm adaptiert. Mohalla Assi, für den Chandraprasad Dwivedi Regie führte, sollte bereits 2015 in den Kinos anlaufen, jedoch verhinderte die staatliche Filmzensurbehörde CBFC den Filmstart: Als Gründe wurden die obszöne Sprache und eine verunglimpfende Darstellung des hinduistischen Gottes Shiva angeführt.

 

 

Zitierte Literatur
Kāśīnāth Siṃh (2014/2002): Kāśī kā Assī. Naī Dillī: Rājkamal Prakāśan (8. Nachdruck).


Die Autorin verdankt außerdem folgendem Aufsatz wichtige Anregungen für dieses Essay: Heinz Werner Wessler (2014): „The Grammar of Assī: Kashinath Singh and Globalizing Banāras“. In: István Keul (Hg.): Banāras Revisited: Scholarly Pilgrimages to the City of Light. Wiesbaden: Harrassowitz.

 

Zur Autorin

Johanna Hahn hat Indologie, Kunstgeschichte und Empirische Kulturwissenschaft in Tübingen studiert und ist seit 2016 als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Seminar für Indologie (Institut für Orient- und Asienwissenschaften) an der Universität Bonn tätig. In ihrer Dissertation untersucht sie die Darstellung der Metropolen Delhi, Mumbai und Kalkutta in der jüngeren und jüngsten Hindi-Literatur (1970 bis 2010).

Südasien 3/2017