Yves Bowie
Vertreibung statt Versöhnung
Tourismus in Sri Lanka

2009 nahm der Bürgerkrieg in Sri Lanka ein brutales Ende. Der Krieg führte zu Zehntausenden Toten und Hunderttausenden Vertriebenen. Es ist auf beiden Seiten mutmaßlich zu Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gekommen. Um einen nachhaltigen Frieden zu erreichen, ist ein ernsthafter Versöhnungsprozess zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen zwingend notwendig. Der Tourismus, welcher in Sri Lanka seit dem Kriegsende boomt, könnte dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Alleine im letzten Jahr besuchten über zwei Millionen Tourist(inn)en die Insel. Doch leider behindert der Tourismus den Versöhnungsprozess eher, als dass er ihn unterstützt. Um Platz zu schaffen für Tourist(inn)en wurden beispielsweise traditionelle Fischerfamilien, Bauern und Bäuerinnen vertrieben. Zudem raubt das Militär mit seinen eigenen Tourismus-Angeboten der Lokalbevölkerung eine wichtige Einnahmequelle.

 

Im Juli letzten Jahres organisierte die Welttourismusorganisation der Vereinten Nationen (UNWTO) in Sri Lanka eine Konferenz mit dem Titel „Tourismus – ein Katalysator für Entwicklung, Frieden und Versöhnung“. Sri Lanka wurde als lobendes Beispiel dafür dargestellt, wie der Tourismus den Versöhnungsprozess nach einem langjährigen Konflikt aktiv unterstützen kann. Die Konferenz fand ausgerechnet in Passikudah statt, wo der Tourismus die Fischer von der Küste verdrängt hat. Die Familien der Strandfischer wurden fast komplett von der Bucht in Passikudah verbannt und die rund 300 Bootsfischer müssen sich einen viel zu kleinen Ankerplatz teilen. Ein ranghoher Politiker drohte zudem unlängst, ihnen diesen Ankerplatz auch noch wegzunehmen. Damit wäre die Fischergemeinschaft in ihrer Existenz akut bedroht.


Welcher Druck von Seiten der Behörden auf die Fischer ausgeübt wird, zeigte sich auch im Rahmen der UNWTO-Konferenz selbst. Als die Polizei erfuhr, dass einige Fischer und Aktivist(inn)en während der Konferenz mit einem Protest auf ihre Probleme aufmerksam machen wollten, hat sie die Beteiligten so stark unter Druck gesetzt, dass der geplante Protest abgesagt wurde. Zusätzlich plante die UNWTO die Teilnehmer/-innen der Konferenz mit einem Boot der Marine, welche mutmaßlich an Kriegsverbrechen beteiligt war, an der Ostküste herumzufahren.


Das Militär als Hotelier

Die sri-lankische Marine bietet nicht nur Bootstouren für Besucher/-innen an, sondern auch Hotels in teilweise exklusiven Lagen. Die Armee betreibt ihre eigene gehobene Hotelkette namens Laya mit derzeit fünf Unterkünften, verteilt auf der ganzen Insel. Die Luftwaffe führt nicht nur eigene Hotels, sondern auch einen Golfplatz an der Ostküste bei Trincomalee. Außerdem hat sie preiswerte Inlandflüge für Tourist(inn)en im Angebot. Zusätzlich gibt es vor allem im Norden des Landes zahlreiche weitere vom Militär geführte Gästehäuser, Läden und Restaurants. Die Angestellten dieser Einrichtungen sind ausnahmslos Soldat(inn)en. Sie bekommen ihren Sold direkt vom sri-lankischen Verteidigungsministerium. Die Tourismusangebote der Streitkräfte rauben der Lokalbevölkerung und auch lokalen Unternehmen wichtige Einkommensquellen. Falls sich der Tourismus in Sri Lanka nachhaltig entwickeln soll, müssen sich die Streitkräfte zwingend aus dem Tourismussektor zurückziehen.


Lokalbevölkerung profitiert kaum

Allerdings rauben nicht nur die vom Militär geführten Tourismusangebote der Lokalbevölkerung wichtige Einkommensmöglichkeiten, auch von den privatwirtschaftlich geführten Hotels profitieren Dorfbewohner/-innen kaum. Beim Bau der Hotelanlagen wurden sie teils noch als Arbeiter/-innen auf den Baustellen eingesetzt. In den Hotels selbst hingegen werden kaum Menschen aus der Region angestellt. Die meisten kommen aus weiter entfernten Orten Sri Lankas. Auch kaufen die Hotels nur selten bei lokalen Fischern oder bäuerlichen Betrieben. Meist werden Einkäufer/-innen angeheuert, die die Lebensmittel aus den Städten beziehen. Dadurch profitiert die Lokalbevölkerung kaum vom Tourismus. An manchen Orten mussten zudem öffentliche Einrichtungen wie Tempel, Spielplätze oder Gemeinschaftszentren weichen, um genügend Platz für Tourist(inn)en zu schaffen.


Keine Konsultation vor Tourismusprojekten

Die Lokalbevölkerung profitiert nicht nur nicht vom Tourismus, sie wurde vor Tourismusprojekten auch nicht konsultiert. Meist wurde sie nur ungenügend über die Konsequenzen der Projekte informiert. Es gab kein Konsultationsverfahren, das die Lokalbevölkerung eingebunden hätte und mitentscheiden ließ. Teilweise wurde diese erst über aufgestellte Schilder oder die Medien auf bevorstehende Tourismusprojekte in der Region aufmerksam gemacht. Auch wurden Umwelt- und Sozialverträglichkeitsprüfungen, welche gemäß den Richtlinien der sri-lankischen Tourismusbehörde notwendig sind, nur sporadisch durchgeführt. Selbst wenn solche Verträglichkeitsprüfungen durchgeführt wurden, herrscht wenig bis keine Transparenz bei den Ergebnissen. Zusätzlich wurden für Tourismusprojekte immer wieder die geltenden Regeln zum Bau von Gebäuden an Meeresküsten, welche eine dauerhafte Bebauung untersagen, übergangen. Falls der Tourismus in Sri Lanka einen ernsthaften Beitrag zum Versöhnungsprozess leisten soll, ist eine Konsultation der Lokalbevölkerung zwingend nötig. Damit könnte auch eine existenzielle Bedrohung der traditionellen Fischerei durch den Tourismus verhindert werden.


Traditionelle Fischergemeinschaften unter Beschuss

Die derzeitige Tourismusentwicklung in Sri Lanka bedroht die Existenz der traditionellen Fischergemeinschaften. Ähnlich wie in Passikudah ist es auch in weiteren Küstenorten, wo der Tourismus in Sri Lanka derzeit boomt, zu Vertreibungen von Fischern gekommen. In Ahungalla, im Süden des Landes, wurden vor einem Hotel Strandwadenfischer vom Strand verbannt. Über Jahrzehnte hinweg haben sie diesen Küstenabschnitt benutzt, um Fische zu fangen. Und nun wurden ihre kleinen Fischerhütten von der Polizei zerstört. In Kalpitiya, an der Nordwestküste, möchte die Regierung die traditionellen, tamilischen Fischereigemeinschaften von den kleinen Inseln in der Lagune vertreiben. Auch dürfen in dieser Region Fischer ihre angestammten Fischereigebiete teilweise nicht mehr betreten. Zum einen wegen der geplanten Hotels auf den vielen kleinen Inseln und zum anderen wegen Kitesurfschulen. Diese beanspruchen für ihren Sport einen großen Teil der Lagune bei Kalpitiya für sich und haben mit Hilfe der Lokalbehörden den Fischern verboten, diesen Teil der Lagune tagsüber mit ihren kleinen Booten zu befahren. Die Betroffenen verlieren so bis zu drei Viertel ihres Einkommens, ganze Existenzen sind bedroht.


Landraub für den Tourismus

In Kuchchaveli an der Ostküste wurden gegen Ende des Krieges große Landstriche vom Militär besetzt. Dieses besetzte Gebiet wurde später als Tourismuszone deklariert. Die ehemaligen, meist muslimischen Bewohner/-innen wurden dabei nie konsultiert und es gab auch keine Kompensationen. Da ihre besitzbeweisenden Dokumente während des Kriegs zerstört wurden, konnten sie sich nicht auf juristischem Weg gegen den Landraub wehren. Auch im Dorf Paanama, an der Südostküste, hat das Militär in großem Stil Land im Namen der Sicherheit geraubt. Es ist dabei nicht gerade zimperlich vorgegangen und hat die meist singhalesischen Dorfbewohner/-innen mit Gewalt vertrieben. Ihre Häuser und ihr ganzer Besitz wurden angezündet, etliche Bewohner dabei verletzt. Später fanden die Enteigneten heraus, dass in den besetzten Gebieten Hotels gebaut werden sollten. Sie begannen sich zu wehren und haben vor Gericht Recht erhalten. Zusätzlich gab es 2015 einen Regierungsbeschluss, wonach das besetzte Land in Paanama den Dorfbewohner(inne)n zurückgegeben werden müsste. Dieser Beschluss wurde jedoch nie umgesetzt. Im Frühling 2016 haben sich deshalb einige Dorfleute dazu entschlossen, sich das Land zurückzuholen. Mit Hilfe einer lokalen NRO besetzten sie das eigene Land. Sie leben nun dort in kleinen, temporären Holzhütten und haben begonnen, Saatgut zu pflanzen. Fischen dürfen sie jedoch weiterhin nicht und offiziell hält ihr Land immer noch das Militär besetzt. Ein Beitrag zur Versöhnung sieht anders aus.

Zum Autor

Yves Bowie studierte Sozialpolitik und Zeitgeschichte. Er arbeitet als Sri Lanka-Referent bei der Gesellschaft für bedrohte Völker, Schweiz (GfbV). Die GfbV arbeitet seit mehreren Jahren zusammen mit Betroffenen und lokalen Organisationen zu Tourismus und Menschenrechten in Sri Lanka. Außer Workshops für Betroffene organisierte die GfbV auch runde Tische mit Entscheidungsträgern.

Südasien 3/2017