Yam Bahadur Kisan
Ignoranz versus Identität
Erfahrungen und Herausforderungen in der Inklusion sozialer Gruppen

Die nepalische Gesellschaft hat mehrere Umbrüche, politischer wie schicksalhafter Art, hinter sich. Der Wiederaufbau der Gesellschaft wirkt zäh, sehr unterschiedliche Interessen zerren an verschiedenen Enden und lähmen sich immer wieder gegenseitig. Dies alles ist unterlegt von einer langen Geschichte und Struktur der Marginalisierung und des sich gegenseitigen Ignorierens. Für einige Mitglieder der Gesellschaft bedeutete dies durchweg die systematische Exklusion und Ausbeutung auf der Basis des Hindu-Kastensystems. Der Beitrag skizziert dieses Bedingungsgefüge und geht der Frage nach, wie und mit welchen Erwartungen in einer ziemlich komplexen Situation ein erneuter Umbruch zu bewerkstelligen wäre.

 

Marginalisierung bedeutet nach Dickie-Clark (1966), jemanden auszuschließen oder zu ignorieren, indem er oder sie dem äußersten Rand einer Gruppe zugewiesen wird.1 Der Begriff Marginalisierung benennt eine politische, ökonomische und sozio-kulturelle Herangehensweise, die Personen oder Gruppen von sämtlichen Lebensbereichen ausschließt, ausbeutet, systematisch an den Rand der Gesellschaft drängt und damit ignoriert. In postkolonialen und feministischen Studien steht Marginalisierung als Begriff in Beziehung zum Phänomen des „Othering“, das heißt sich mit anderen zu vergleichen, sich von ihnen abzuheben und zu distanzieren.2 Othering ist eine Möglichkeit, die eigene positive Identität durch die Stigmatisierung des Anderen zu definieren und sicherzustellen. Es besteht dabei immer die Gefahr, dass diese Selbstbestätigung die De-Integration anderer Gruppen bedingt. Betrachtet man die nepalische Gesellschaft aus den konzeptionellen Blickwinkeln der Marginalisierung, des Ignorierens und des Othering, lassen sich viele Prozesse erkennen, die von systematischer Exklusion, Ausbeutung, Boykott und Vorenthaltung von Rechten gekennzeichnet sind. Zugang zu und Kontrolle über Ressourcen, Dienste und Potenziale des Staates auf Basis des Hindu-Kastensystems hängen ab von der sexuellen Orientierung, ethnischen Herkunft, Sprache, Religion, Region, Kultur, vom Geschlecht sowie von Formen der physischen und psychischen Behinderung.


Marginalisierte Gruppen in Nepal

Artikel 18(3) der Verfassung von Nepal listet 23 Gruppen auf, die berechtigt sind, die Gleichstellungspolitik (Affirmative Action Policy, AAP) in Anspruch zu nehmen; einschließlich der traditionell regierenden Khas-Aryan-Gruppen. Die Berücksichtigung letzterer führte zu heftiger Kritik. Die erfassten Kategorien, mit einem Frauenanteil von 51 Prozent, decken letztlich die gesamte Gesellschaft Nepals ab und weisen vielfache, nicht immer einfach nachvollziehbare Querverbindungen auf: Indogermanische Khas3 (31 Prozent Bevölkerungsanteil), Dalits (13) einschließlich Madhesi- und Newar-Dalits, Indigene (37) einschließlich Newar-Dalits, Tharu und Madhesi-Indigene, Madhesi (14) in höheren Kasten plus rückständige Kasten (Other Backward Castes), aber ohne Madhesi-Dalits, Indigene und Muslime sowie Muslime (5) einschließlich Madhesi- und Bergland-Muslime. Andere Kategorien in Artikel 18(3) bezeichnen Mischgruppen.4 Es liegt nahe, dass die komplexe Einteilung bei begrenzten Ressourcen zu heftigen Konflikten um Abgrenzung und Chancengleichheit führt. Die Kategorisierung in der Verfassung und die Versuche, alle Gruppen korrekt zu erfassen, bleiben umstritten, zumal sie nicht notwendigerweise mit der Realität übereinstimmen.


Hierarchie und Herrschaft

Das Thema Hierarchie ist in Nepal mit dem Hindu-Kontext, seinem viergliedrigen Kastensystem (Varnashramic)5 und der kastenbasierten Gesellschaft verknüpft. Die Brahmanen bilden die Spitze, die Dalits und andere Kastenlose die unterste Kategorie. Letztere werden seit Jahrhunderten auch von anderen Marginalisierten als „gesellschaftlich randständig“ behandelt. Selbst innerhalb der Dalits kommt es zu Abgrenzungen. Alle leiden jedoch unter Ausgrenzung, Arbeitslosigkeit, fehlender Bildung, Armut, Ausbeutung und mangelnder Repräsentation. Im nationalen Zensus von 2011 wurden 125 verschiedene Kasten- und ethnische Gruppen gezählt. Paradoxerweise sind Marginalisierte mehr oder weniger Opfer der ausgrenzenden, hierarchischen Denkmuster, während sie gleichzeitig selbst eine Rolle dabei spielen und selbst dazu beitragen, Hierarchien und die Praxis der Unberührbarkeit aufrecht zu erhalten.


Bei Frauen entscheidet nicht nur ihre soziale Herkunft über Lebens-, Teilhabe- und Zugangschancen. Sie sind über alle Gesellschaftsgruppen hinweg in sämtlichen Bereichen schlechter gestellt als Männer. Ebenso erfahren Angehörige geschlechtlicher und sexueller Minoritäten (LGBTI) in sämtlichen Bereichen Identitätskrisen, Hass, Diskriminierung und Ausgrenzung.


Im Kontext indigener Völker ist die Einteilung in tibetisch-burmesische und in indo-drawidischen Sprachgruppen relevant. Die ersteren besiedeln das Bergland einschließlich Kathmandu und Hochgebirge, die indo-drawidischen Sprachgruppen siedeln im Flachland des Terai. Die amtliche Liste zu indigenen Völkern führt 69 verschiedenen Kasten, sprachliche und kulturelle Gruppen auf, weitere 22 Gruppen sind zur Aufnahme empfohlen. Darüber hinaus drängen weitere Gruppen darauf, als „indigen“ gelistet zu werden. Sie sind marginalisiert auf der Basis von Sprache, Kultur, sozio-ökonomischer Entwicklung und mangelndem Zugang zu staatlichen Dienstleistungen.


Im Kontext regionaler Einteilungen fallen die Angehörigen der Madhesi ins Gewicht, die im Terai wohnen und indischstämmig sind. Ihre Kasten­traditionen gleichen den Nachbarregionen in Indien. Sie werden nochmals unterteilt in indogermanische und indodrawidische Untergruppen mit drei sprachlichen Differenzierungen: Maithili, Bhojpuri und Awadi. Die Madhesi umfassen ebenso Dalits, Indigene und Muslime.


Im Bereich Religion stellen Muslime eine Minderheit im Land dar. Sie siedeln im Bergland, im Kathmandutal und im Terai-Madhes, sprechen Urdu und lokal vorherrschende Sprachen wie Khas, Nepali, Maithili, Bhojpuri, Awadi und Hindi. Muslimische Vertreter haben allerdings wiederholt die Zuschreibung als „religiöse Minorität“ und „Madhesi“ zurückgewiesen und eine gemeinsame Identität als Muslim-Gemeinschaft eingefordert; was langsam auch umgesetzt wird. Außer Muslimen sind auch Angehörige des Buddhismus, Christen, Bahai und andere religiöse Minderheiten von Diskriminierung und Exklusion betroffen. Christ(inn)en erfahren häufiger Gräueltaten sowie Hass und Diskriminierung durch Behörden, Angehörige der Hindu-Mehrheit und selbst durch Mitglieder anderer religiöser Minderheiten.


Gegenbewegungen und inhärente Blockaden

In der jüngeren Vergangenheit waren viele Angehörige benachteiligter Gruppen, besonders Frauen, Dalits und Indigene, am maoistischen Volkskrieg beteiligt, um gegen alle Formen der Diskriminierung, Ausbeutung, Entbehrung und Marginalisierung auf unterschiedliche Weise zu kämpfen. Die Maoisten eröffneten mit ihrer Agenda die Hoffnung auf Veränderung. Tatsächlich ist die Repräsentation dieser Gruppen im Staatsapparat unter maoistischer Beteiligung bedeutend gestiegen. Nationale Gesetze, Verfassungsbestimmungen und politische Strategien sind zugunsten ihrer Anliegen geändert worden.


Darüber hinaus haben die verschiedenen Identitätsbewegungen eine Reihe gemeinsamer Ziele formuliert und vor allem im zeitlichen Kontext (2015) der neuen Verfassung teilweise durchgesetzt: Nichtdiskriminierung, proportionale Repräsentation in allen Organen, Strukturen, Ebenen, Mechanismen und Behörden des Staates, Föderalismus und Dezentralisierung der Macht auf Provinz- und Lokal­ebene sowie gleicher Zugang zu allen staatsbürgerlichen Rechten Andererseits hemmen unterschiedliche (partei-)politische Ideologien die Durchsetzung der gemeinsamen Ziele und einer gemeinsamen Bewegung. Ebenso wirken tief sitzende Vorurteile als Barriere, wie sie etwa Angehörige indigener Völker, Madhesi, Muslime, Frauen und andere marginalisierte Gruppen gegen Dalits seit Jahrhunderten hegen.


Ein säkular verfasster Staat könnte marginalisierte Gruppen angesichts der fortdauernden, kastenbasierten Diskriminierung einen. Viele Nicht-Dalit-Frauen und Madhesi bevorzugen jedoch einen Hindu-Staat. Muslime und Indigene zeigen sich ebenfalls zögerlich. Der Aspekt der proportionalen Repräsentation steht gleichfalls auf der Agenda aller marginalisierten Gruppen, die sich jedoch auf kein Wahlsystem einigen können, das diese Repräsentation auf allen Ebenen des Parlaments sicherstellen würde. Ebenso ist die Forderung nach Inklusion in staatlichen Organen und Strukturen (Intra-Inklusivität) ungelöst geblieben. Marginalisierte Gruppen und ihre Führungspersonen zeigen scheinbar wenig Neigung, im eigenen Kontext damit zu beginnen.


Die Forderungen nach einem föderalen Staatsaufbau und Dezentralisierung der Macht bis in die lokale Ebene hinein sind zwar allgegenwärtig. Sie treffen jedoch auf Erwartungen etwa unter indigenen Völkern und der Madhesi, die unter Dezentralisierung der Macht bevorzugt die Übertragung vom Zentrum auf die Provinzebene meinen. Es ist wahrscheinlich, dass sie in einigen Provinzen die politische Macht übernehmen und dort mit den Mitteln des Zentralismus regieren wollen.


Haben sich Sichtweisen verändert?

Marginalisierte Gruppen haben sich in politischen Bewegungen für Veränderungen engagiert und Opfer gebracht, ohne jedoch faktisch die Früchte der Wandlungsprozesse genießen zu können. Jüngere Regimeänderungen in Nepal fanden 1951, 1960, 1990, 2006 und 2015 statt, insgesamt sieben Verfassungen wurden in 70 Jahren geschrieben. Im Ergebnis wurden allerdings die Herrscher aus den nichtmarginalisierten Khas-Aryan-Gruppen durch andere ersetzt. Monarchie, Panchayat-Demokratie, Mehrparteien-Demokratie, Volksdemokratie, Republikanismus, Föderalismus oder Säkularismus stehen für Systeme gesellschaftlicher Ordnung, die allein aus sich heraus bislang nicht in der Lage waren, fundamentale Veränderungen in den Machtbeziehungen und Denkmustern gegenüber Marginalisierten herbeizuführen.


Es lohnt jedoch der Blick auf die Aprilbewegung von 2006. Die daraus hervorgegangene Wahl der ersten verfassungsgebenden Versammlung 2008 und deren Ergebnis (2008-2012) haben neue Sichtweisen auf marginalisierte Gruppen begründet. Letztere waren an den politischen Prozessen beteiligt, und ihre Forderungen wurden in der Verfassung verankert. Die verfassungsgebende Versammlung setzte sich sogar (nominell) mehrheitlich aus Angehörigen marginalisierter Gruppen zusammen. Stichworte wie identitätsbasierter Föderalismus, Recht auf Selbstbestimmung und Autonomie, Gleichheit und Nichtdiskriminierung, Recht auf proportionale Repräsentation und Entschädigung, gleiche Verteilung von Rechten, Ressourcen und Chancen fanden so Eingang in die Verfassung. Unglücklicherweise stellte die zweite verfassungsgebende Versammlung in Gestalt des Parlaments (2014-2018) die Struktur und Ergebnisse der ersten auf den Kopf. Die Verhandlungsstärke der marginalisierten Gruppen ist hier schwächer als zuvor. Aus aktiv Beteiligten wurden einfache Empfänger von Beschlüssen.


Gleichwohl enthält die Verfassung von 2015 Prinzipien wie das der proportionalen Inklusion und Teilhabe sowie die Eliminierung aller Formen der Diskriminierung einschließlich kastenbasierter Diskriminierung und Unberührbarkeit. Nepal wird als säkularer, inklusiver, demokratisch organisierter, sozialismusorientierter, föderaler und republikanischer Staat definiert. Immerhin ist dies eine erste Etappe zu garantierten Rechten von Minderheiten. Darüber hinaus ist es notwendig, den Geist der Verfassung in Gesetze, Verwaltungsvorschriften, Politik, Programme, Projekte, Strategien, Budgets und Aktivitäten wirksam umzusetzen.


Ausblick

Einige Forderungen in Bezug auf Minderheiten befinden sich in der aktuellen Verfassung, in Gesetzen und Regierungsplänen. Einige werden noch bis zum Ende der verfassungsgebenden Versammlung 2018 hinzukommen. Insgesamt jedoch scheint der Weg hin zu einer konkreten und wirkungsvollen Umsetzung in der Alltagsrealität der Menschen noch lang. Die herrschenden Klassen und Kasten zeigen sich ablehnend, rückwärtsgewandt und sehr traditionell. Umgekehrt haben sich die Einstellungen der marginalisierten Gruppen den herrschenden gegenüber verhärtet und deuten auf eine Konfrontation, einschließlich kommunaler Konflikte. Angesichts der Geschichte Nepals, einschließlich des maoistischen Volkskrieges, wäre das nichts Neues, wenngleich soziale Bewegungen der Marginalisierten sich um eine gewaltfreie und friedliche Konfliktbearbeitung bemühen sollten.


Aus dem Englischen übersetzt von Annemarie Willjes

 

Literaturhinweise
Agelides, P. und A. Michaelidou (2009): „Collaborative Artmaking for Reducing marginalization“. In: Studies in Art Education, Vol. 51, No. 1, pp. 36-49. Cyprus: National Art Education Association, University of Nicosia. www.jstor.org/stable/40650399
Cahoone, L. (1996): From Modernism to Postmodernism: An Anthology. Cambridge, MA: Blackwell.
Dickie-Clark, H.F. (1966): The Marginal Situation. London: Routledge and Keagan Paul.
Gilbert, H. und J. Tompkins (1996): Post-colonial Drama: Theory, Practice and Politics. London: Routledge.
Government of Nepal, Ministry of Law and Justice (2015): Constitution of Nepal. Law Book Management Committee.
Kisan, Y.B. (2005): The Nepali Dalit Social Movement. Kathmandu: Legal Rights Protection Society Nepal.
Landry, D. und G. MicLean (1996): The Spivak Reader. London: Routledge.
Sankrityayan, R. (1998): Darshan-Digdarshan. Allahabad: Kitab Mahal.
Spivak, G.C. (1987): In Other Words: Essays in Cultural Politics. London: Mathuen.


Endnoten
1    zitiert in Agelides und Michaelidou, 2009.
2    Cahoone, 1996; Gilbert und Tompkins, 1996; Landry und MacLean, 1996; Spivak, 1987, Agelides und Michaelidou, 2009.
3    Die indogermanischen Khas-Gruppen unterteilen sich in Brahmanen, Kshatriya, Thakuri und Sannysi (zehn Unter-Kategorien).
4    Alte Menschen, Kinder, sexuelle Minoritäten, Personen mit Behinderungen, Arbeiter, Bauern, alleinstehende Frauen, Menschen aus rückständigen Gebieten oder aus armen Klassen, Ex-Kombattanten, ethnisch definierte, religiöse und sprachliche Gruppen.
5    In Nepal lassen sich je nach ethnischer und regionaler Herkunft drei verschiedene Kastensysteme ausmachen, so dass auch die Dalits je nach Gesellschaftsgruppe in drei verschiedenen Kategorien gefasst werden: Bergland-Dalits/Indogermanische Sprachgruppe, Newar-Dalits/Tibeto-Burmesisch und Madhesi-Dalits/Astro-Drawidisch und 26 Kastengruppen.

 

Zum Autor

Yam Bahadur Kisan ist Menschenrechtsanwalt und Experte für soziale Inklusion in Nepal.

Südasien 3/2017