Ludwig Penna
„Sie haben mehrere Väter?“
Die Tochter einer Tempelprostituierten berichtet

Bis heute werden in einigen südindischen Bundesstaaten Mädchen mit Gottheiten vermählt und gelten als Medium. Ursprünglich führten die Devadasi (deva=Gott, dasi=Dienerin), so werden die Mädchen genannt, traditionelle Rituale wie die Reinigung des Tempelaltars durch. Heute geraten die traditionellen Rituale vermehrt in den Hintergrund zugunsten von Prostitution und dem Glauben, dass sexuelle Akte negative Energien absorbieren. Der Text beschreibt den Werdegang der Tochter einer Tempelprostituierten.

Manjula arbeitet für eine Nichtregierungsorganisation in Bangalore, die sich für Jugendliche von benachteiligten Minderheiten einsetzt. Sie ist als Betreuerin für Jugendliche tätig. Das ist an sich nichts Besonderes. Das Besondere an Manjula ist, dass sie einer benachteiligten Minderheit angehört: Sie ist Tochter einer Devadasi, einer sogenannten Tempelprostituierten. Eigentlich kann dem Devadasi-System niemand entkommen. Die Nachkommen werden ihr Leben lang stigmatisiert und diskriminiert, haben kaum Zugang zu lebenswichtigen Dienstleistungen wie Bildung und Gesundheit.

 

Verachtung und Diskriminierung in allen Lebenslagen

 

„Meine Familie besteht aus Mutter, Geschwistern und Tanten“, fängt Manjula ihren Bericht an. Fällt Ihnen etwas auf? Es kommen keine Männer in der Familie und Erzählung vor. Nicht schlimm? In Indien schon. Manjula erzählt, wie sie von Beamten des Meldeamtes behandelt wird, als sie den Reisepass für ihre Vortragsreise nach Deutschland beantragt. Sie berichtet, wie die verschiedenen Sachbearbeiter immer wieder nachfragen: „Jeder Mensch hat einen Vater. Warum geben Sie den Namen Ihres Vaters nicht an?“ Sie berichtet, wie sie sich immer wieder rechtfertigen muss, bis den Angestellten klar wird, welcher Herkunft sie ist. Ein Sachbearbeiter lacht: „Ach, Sie kommen aus dem Dorf in Nord-Karnataka, wo die Frauen vor der Tür sitzen und auf Arbeit warten.“ Die Sachbearbeiter wissen nicht, wie sie mit dem nicht genannten Vater umgehen sollen. Der Leiter, bei dem sie schließlich nach vielen Schikanen landet, versucht zu scherzen: „Dann haben sie also keinen Vater, sondern mehrere Väter.“

 

Für Manjula gehören diese Sticheleien zu ihrem Alltag. Sie hört sie seit ihrer Kindheit und kommt damit mal besser, mal schlechter zurecht. Eigentlich ist vorgesehen, dass sie in die Fußstapfen ihrer Mutter tritt. Besonders die sehr religiöse Großmutter hat großes Interesse daran. Als Manjula im Säuglingsalter erkrankt, betet sie für sie und verspricht sie den Göttern als Devadasi. Doch Manjula hat andere Pläne. Die Schule bereitet ihr viel Freude, obwohl sie täglichen Diskriminierungen ausgesetzt ist. Zwei Freunde, ältere Söhne von Devadasis, ermutigen sie, die Schule fortzuführen, um der Tempelprostitution zu entkommen.

 

Wege aus der Erniedrigung

 

So beginnt sie, ihre Biografie zu verändern, erzählt in weiterführenden Schulen, dass ihr Vater gestorben sei. Devadasi tragen Schmuck, der sofort erkennen lässt, welchem Beruf sie nachgehen. Aus Angst vor Entdeckung ihrer wahren Biografie sorgt Manjula deshalb dafür, dass ihre Mutter die Schule nicht betritt. Wann immer etwas Schulisches zu regeln ist, kommt jemand anders.

 

Mit Beginn ihrer Pubertät werden Dalit-Mädchen als Devadasi den Gottheiten übergeben. In der Tempelanlage arbeiten sie etwa zwei Jahre, werden dann für die Kundschaft mit zunehmendem Alter uninteressant. Um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, gehen sie als Sex-Arbeiterinnen in die großen Metropolen Mumbai, Pune und Bangalore. Nach einigen Jahren kehren sie wieder in ihre Heimatdörfer zurück – nicht selten mit HIV infiziert. Wegen ihres geringen Einkommens, häufig zahlen ihnen die Freier umgerechnet nur 50 Cent für eine Nacht, haben sie kaum die Möglichkeit, sich adäquat behandeln zu lassen.

 

Manjula sieht mit an, wie ihre Tante an Aids stirbt und träumt davon, Medizin zu studieren. Sie möchte anderen Devadasis helfen, die in ähnlicher Situation sind und diese adäquat versorgen. Doch ihre Mutter hatte einst einen Kredit aufgenommen, um die Tante während ihrer schweren Krankheit versorgen zu können. Und dieser Kredit muss zurückbezahlt werden. Manjula gibt ihren Traum auf, macht mit Hilfe eines Stipendiums ihren Master in Sozialarbeit und fängt an zu arbeiten. Mit ihrem Verdienst zahlt sie den Kredit ihrer Mutter zurück. Obgleich in gewisser Weise erfolgreich, ist der Traum zerstört.

 

Die Töchter von Devadasis werden häufig selber Devadasi. Dem können sie entkommen, wenn sie früh heiraten. Doch wer heiratet sie? Meist werden sie mit Söhnen von Devadasi verheiratet oder Männern mit Behinderungen. Manjulas Schwester wurde mit dem Sohn einer Devadasi verheiratet. Ein Mann, der selber täglicher Diskriminierung ausgesetzt ist. Ein Mann, der ihrer Schwester unterstellt, dass sie sich prostituiere. Ein Mann, der gewalttätig ist. Manjulas Schwester wird von ihm gefoltert, teilt sich aber niemandem mit. In Indien werden Mädchen zu Gehorsam erzogen. Für die Hochzeit müssen die Familien der Töchter eine immer größer werdende Mitgift aufbringen, danach zieht die Tochter zu der Familie des Mannes. Dort muss sie sich der familiären Ordnung fügen. Tut sie das nicht, fällt es letztlich auf die Familie der Tochter zurück.

 

Für die Schwester von Manjula wird die eheliche Folter unerträglich. Sie vertraut sich nach Jahren ihrer Schwester an, zeigt Zigarettenbrandmale auf Brust und Oberkörper, berichtet von Gewalt, Streit und Missbrauch. Am Ende ihres Berichtes vergiftet sie sich vor den Augen von Manjula. Ein schweres Schicksal, das Manjula zu tragen hat. Doch sie kämpft weiter. Sie kommt nach Deutschland, erzählt von ihren Erfahrungen. In Indien arbeitet sie inzwischen mit Kindern von Devadasi. Sie berichtet den Kindern von ihrem eigenen Lebensweg, ermutigt sie zu Bildung, höherer Bildung, verschafft ihnen die Möglichkeit, ihre persönlichen Fähigkeiten zu erweitern. Eine große Aufgabe für eine große Frau.

 

 

Zum Autor

Ludwig Penna ist Volkswirt, bereist Südasien seit 2000 regelmäßig und arbeitet seit 18 Jahren in verschiedenen Hilfswerken.