Theodor Rathgeber
Editorial Südasien 4/2017

Liebe Leserinnen und Leser,

 

Über die Jahrzehnte hinweg, in denen ich mich mit dem Nordosten Indiens beschäftigt habe, hat die Abgrenzung zum restlichen Indien am nachdrücklichsten Analysen, Gespräche sowie die Debatten um eine Perspektive markiert. Wer wollte die Unterschiede ernsthaft bestreiten? Im März 2017 gab die Tageszeitung The Hindu (25.03.) einem Artikel Raum, der sich mit Pro und Contra von zwei Zeitzonen beschäftigte. Anlass war eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofes (High Court) in Guwahati, der das Ansinnen einer Assamesin nach einer eigenen Zeitzone für den Nordosten abschlägig beschieden hatte.

 

Was anekdotisch anmutet, unterfüttert der Artikel im The Hindu mit Pro-Argumenten vom dynamischeren Geschäftsleben über Energieeinsparung bis zur staatspolitischen Frage, inwieweit ein – zumal von einigen als Besatzung empfundener – Zentralstaat in die Lebensplanung seiner Bürgerinnen (und Bürger) so tiefgreifend eingreifen darf, dass andere, kultur-historische und lokale Zeitgeber nicht mehr in Erscheinung treten. Was, so die Klägerin, kann erfülltes Leben gemäß Artikel 21 der Verfassung denn anderes sein, als solche Vielfalt durch staatliches Handeln zum Ausdruck zu bringen?

 

Die Artikel zum Schwerpunkt führen diese Fragestellung fort und beleuchten die Sonderstellung der Region in vielerlei Richtungen. Selbst in einem statistischen Überblick über Wirtschafts- und Sozialdaten oder zum Schulunterricht tritt ein kultureller und regionaler Oberton zutage. Fast alle Artikel setzen sich mit Identitätsfragen auseinander, beleuchten ihre Geschichte und heutigen Ausformungen. Insbesondere junge Leute empfinden das tradierte Identitätsbewusstsein als Korsett.

 

Die Zeitschrift SÜDASIEN wird vernünftigerweise nicht vorgeben, das Thema des Nordosten Indiens auch nur annähernd in seiner Bandbreite darstellen zu wollen. Jeder Text für sich gewährt jedoch Einblicke in handlungsleitende Motive, die sich auch schon mal diametral gegenüber stehen – selbst in ein- und derselben Person oder Gruppierung. Auch radikale Verfechter/-innen der Autonomie nehmen das Gericht oder die Passbehörde in Anspruch. Sie bewegen sich dabei als Staatsbürger/-in der indischen Union in einem rechtlich-institutionellen Rahmen, den sie bei anderer Gelegenheit strikt zurückweisen. Der Nordosten Indiens gilt als Inbegriff für eine Region, die nach eigener Staatlichkeit strebt. Gleichzeitig lag bei den nationalen Wahlen 2014 die Wahlbeteiligung bei rund 80 Prozent; die höchste im Vergleich zu anderen Regionen Indiens.

 

Ein anderes großes Feld der offenen Identitätsfindung bearbeiten Textbeiträge, die beispielsweise aus frauenrechtlicher Sicht die tradierten patriarchalen Dominanzsysteme hinterfragen. Die Artikel zum zivilgesellschaftlichen Engagement als Form der Politikgestaltung transportieren die Idee eines demokratischen und egalitären Staatswesens, um überhaupt in der Öffentlichkeit wirken zu können. Nicht nur der autoritär auftretende Zentralstaat tritt dabei als Hindernis auf sondern ebenso die autokratischen Herrschaftsformen in den ethnischen Gruppen.

 

Einige Beiträge streifen die radikale Ablehnung des Zentralstaats durch bewaffnete Aufständische. Ihre ethnonationalistische Rhetorik wird allerdings vor allem in den Grenzgebieten nach Myanmar durch einen Modus Vivendi ergänzt, der sie mit Teilen eben dieses Zentralstaats die Duldung je eigener Geschäfte aushandeln lässt. Welches Selbstverständnis und gesellschaftliche Konzept die nordöstlichen Siedlungsgebiete in der Zukunft entwickeln, wird außerdem nicht nur in Binnenprozessen geklärt. So beleuchtet der Heftschwerpunkt potenzielle Beiträge der Nachbarstaaten und internationaler Entwicklungspläne zur Konstruktion zukünftiger Gesellschaften, Wertesysteme und Abgrenzungen im Nordosten Indiens.

 

Die Zivilgesellschaft unterzieht den Nordosten Indiens einem großen demokratischen Experiment, das – den Umständen geschuldet – absehbar nur zwiespältige, immer wieder auch umkehrbare Ergebnisse hervorbringt. Wenn hierbei von fluider Identitätsbildung die Rede ist, scheint das nicht die schlechteste Herangehensweise an Fragen zur Zukunft zu sein. Die Zeitschrift SÜDASIEN versteht sich dabei als eine offene Plattform, um über Fragen zum Identitätsbewusstsein und gesellschaftlichen Handeln ohne Scheuklappen streiten zu können.

 

Im Namen der Redaktion wünsche ich einen guten Start in das Neue Jahr und, nicht zuletzt, mit SÜDASIEN ein anregendes Verweilen,

 

Theodor Rathgeber