Theodor Rathgeber
Editorial Südasien 1/2018

Liebe Leserinnen und Leser,

 

Der Schwerpunkt dieser Ausgabe war ursprünglich dem Umstand geschuldet, die Literaturtagung Ende Mai in der Evangelischen Akademie Villigst (s. Umschlagseite) mit den Möglichkeiten einer gesellschaftskritischen Zeitschrift inhaltlich zu begleiten. Je mehr ich zum Thema Mega-Cities und Urbanisierung recherchierte, desto mehr gewann ich gleichzeitig den Eindruck, in einem Zeitfenster gelandet zu sein, in dem wichtige Weichenstellungen zur Konstruktion und Gestaltung städtischer Gesellschaften in Südasien vorgenommen werden. Wie so oft, kann die Zeitschrift viele der Auseinandersetzungen zum Thema nicht abbilden. Ob Zufall oder nicht, zeichnen die Autor(inn)en im Heft gleichwohl zentrale Diskussionspunkte zur Stadt- und Raumplanung nach, die an den realen Herausforderungen einzelner (Mega-) Städte in Südasien ansetzen.

 

Einiges ist nicht neu. Dass Mega-Städte wie Mumbai, Dhaka, Karatschi oder Kolkata zu rasch gewachsen sind, um an eine geplante Urbanisierung überhaupt denken zu können, sehen alle, die schon mal dort gewesen sind. Staatliche Einrichtungen und städtische Verwaltungen wurden vom Tempo und Ausmaß der urbanen Veränderungen überrollt; um es zurückhaltend zu formulieren. Die Elendsviertel, ein Produkt der massiven Land-Stadt-Migration, bezeugen jedoch gleichzeitig die ungebrochene, angesichts der sattsamen Erfahrungen unglaubliche Erwartung an ein städtisches Leben im Vergleich zur immer ruinöser werdenden, ländlichen Umgebung. Solche Erwartungen werden zwar regelmäßig und gründlich enttäuscht, aber die Hoffnung auf das bessere Leben durch die Stadt scheint immer noch attraktiver als der Gedanke einer Abkehr aus der Stadt.

 

Hierin liegt eine Herausforderung, der sich die meisten Stadt- und Raumplaner/-innen wohl bewusst sind, die sich aber allenfalls grotesk unterentwickelt im politischen Diskurs wiederfindet. Dass der hohe Anteil an jungen Menschen unter denjenigen steigt, die sich auf den Weg in die Stadt machen, wird wohl registriert. Die Umsetzung in angemessenes Handeln zu den gerade für junge Menschen wichtigen Angeboten an Bildung, Arbeitsplätzen, Gesundheitsversorgung, Transport, Elektrizität, Wasserversorgung und Wohnraum zu erschwinglichen Preisen gerät zur Farce. Dass Schattenwirtschaften und kriminelle Netzwerke urbane Strukturen mitbestimmen, rechtsfreie Räume sich breitmachen, wird anscheinend – missbilligend – in Kauf genommen.

 

Die mit Südasien vertrauten Stadt- und Raumplaner/-innen sind insofern dazu übergegangen, nicht  nur das Naheliegende beständig weiter einzufordern, sondern auch den Blickwinkel für eine planbare Urbanisierung anders zu justieren. Planung von den Rändern her und Resilienz sind zwei Stichworte, die auch in den Texten aufgenommen werden. Vieles an Vorschlägen für einen umfassenden Ansatz zur Stadtentwicklung klingt nach wie vor utopisch und gleichzeitig für Städte wie Dhaka unfassbar dringend; wenn es etwa um nachhaltige, klimagerechte Planungskonzepte geht. Die Einbeziehung lokaler Akteure in die Raumplanung gehört zwar zur ureigensten Aufgabe der Politik. Dieses Rad muss jedoch wohl nochmals erfunden werden.

 

 

In den Texten zu einzelnen Ländern ist viel von Krise die Rede und immer wieder von der Verantwortung, die auch internationalen Akteuren wie der Europäischen Union zukommt. Soweit ich das beurteilen kann, liegt es nicht am Mangel an Informationen, dass dieser Verantwortung so wenig entsprochen wird. Solange die eigenen Interessen mit dem bisherigen Status quo bedient werden, scheint der Anstoß zum Wandel gering. Er müsste wohl von anderen gesetzt werden.

 

Rainer Hörig ist seit Herbst vergangenen Jahres verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift MEINE WELT. Wir haben vereinbart, enger zusammenzuarbeiten und in absehbarer Zukunft jeweils einen Artikel aus dem anderen Journal zu veröffentlichen. Wir machen hier den Anfang mit einem MEINE WELT-Text von Rainer Hörig über die Parsi in Indien.

 

Auch dies ein Grund, Ihnen eine bereichernde Lektüre zu wünschen,

 

Theodor Rathgeber