Johanna Hahn und Theodor Rathgeber
Editorial Südasien 3/2018

Liebe Leserinnen und Leser,

 

einen Themenschwerpunkt dem 200. Geburtstag der Bonner Indologie, die seit letztem Jahr unter neuen Vorzeichen als „Abteilung für Südasienstudien“ fortlebt, zu widmen, war nicht ohne Risiko. Die in der Wissenschaft geführte Debatte entlang der als Gegensatzpaar begriffenen Indologie versus Südasienwissenschaft kommt an einigen Stellen recht zugespitzt daher, und die Beiträge im Heft lassen dies an manchen Stellen erahnen. Unsere Autor(inn)en haben jedoch den Weg gewählt, die Aussagekraft der unterschiedlichen Forschungsansätze herauszustellen. Sie haben so den Teil der Auseinandersetzung hervorgehoben, der den Nicht-Expert(inn)en die Möglichkeit eröffnet, das Gewinnende zu sehen. Selbst in denjenigen Beiträgen zum Schwerpunkt, die keinen direkten Bezug zur Indologie / Südasienwissenschaft aufweisen, sich jedoch gleichwohl mit Sichtweisen auf Indien beschäftigen, dringt der Aspekt durch, was die Sichteinstellung, das Kalibrieren, an Schärfe und Tiefgang ermöglicht.

 

Im Länderteil ist eine unerwartete Meldung versteckt: Die Weisheit der Wähler/-innen auf den Malediven hat dem Oppositionskandidaten zum Sieg an der Urne verholfen. Angesichts der vielen Wenn und Aber in den beiden Artikeln zu den Wahlen im Inselstaat gebührt einer solchen Entscheidung Respekt. Dem Wahlsieger wünschen wir größtmöglichen Erfolg. Die Kurznachrichten zu den Ländern Nepal, Pakistan und Sri Lanka verarbeiten viele Ereignisse, die beinahe jedes für sich einen eigenen Artikel wert gewesen wären. Die Redaktion begreift das als Herausforderung, verstärkt Autor(inn)en dafür zu gewinnen. Sehr gerne würden wir wieder einmal einen Länderschwerpunkt zu diesen Ländern organisieren. Nicht jede(r) fühlt sich selbst zum Schreiben berufen, auch Hinweise auf Tagungen zu den anderen Ländern Südasiens wären hilfreich.
Wir sind uns bewusst, dass wir die bisherige Struktur der Informationszufuhr voraussichtlich nicht schlagartig ändern, es ist halt work in progress, aber Sie sollten Ihre Möglichkeiten zum Beitragen wenigstens kennen. Gleiches gilt für die Rubrik Gegenwartsliteratur, in die sich immer wieder Beiträge über Ausstellungen und Film-
festivals eingefügt haben. Auch dazu gerne mehr.

 

In jedem Heft gibt es einen unausgesprochenen Schwerpunkt: die Berichte zum Land Indien. Gewiss, das Land ist groß genug, und die dortigen Ereignisse sind für viele Indieninteressierte und –fahrende im deutschsprachigen Europa von frappierender Nähe, so dass der Umfang immer gerechtfertigt scheint. Es ist eher so, dass die Berichte und Kommentare zu den anderen Ländern dagegen rachitisch daherkommen. Die Lage in Indien ist, selbst bei wohlwollender Betrachtung, angespannt für all diejenigen, die sich ohne Angst kritisch für eine humane Gesellschaft einsetzen wollen. Natürlich propagiert in Indien niemand eine inhumane Gesellschaft, aber die vielen Zeichen der intendierten „Harmonisierung“ einer von Grund auf vielfältigen Gesellschaft sind erschreckend und ernüchternd. Auch in diesem Heft thematisieren dies mehrere Beiträge.

 

Ernüchternd deshalb, weil die Geschichte so voll von Staaten ist, die mit der Exklusion der Anderen in ihrer Größe tatsächlich schrumpften; wenngleich anders, als die Staatenlenker dachten. Die Lektüre von Salman Rushdies „Des Mauren letzter Seufzer“ ist heute so aktuell wie damals. Ernüchternd nicht zuletzt deshalb, weil Indien außer hervorragenden Schriftsteller(inne)n auch großartige (Staats-) Philosophen hervorgebracht hat und hervorbringt. Gibt es einen treffenderen Kommentar zum Heute als den folgenden von Rabindranath Tagore?

 

“Where the mind is without fear

and the head is held high,

where knowledge is free.

Where the world has not been broken up into fragments by narrow domestic walls.

Where words come out from the depth of truth,

where tireless striving stretches its arms toward perfection.

Where the clear stream of reason has not lost it’s way

into the dreary desert sand of dead habit.

Where the mind is led forward by thee

into ever widening thought and action.

In to that heaven of freedom, my father,

LET MY COUNTRY AWAKE!”

Gitanjali: Song Offerings, 1910

 


Wir wünschen eine anregende Lektüre,

 

Johanna Hahn und Theodor Rathgeber