Theodor Rathgeber
Editorial Südasien 2/2018

Liebe Leserinnen und Leser,

 

die Beschäftigung mit indigenen Völkern geschieht nicht nur in Südasien auf vermintem Gelände. Die Verwendung des Begriffs indigen ist zum Teil äußerst umstritten; und nicht nur seitens der üblichen Verdächtigen in Staat und Regierung. Dem sogenannten Essentialismus, das meint immerwährende Eigenschaften, hängt zwar kaum noch jemand nach. Wenngleich auch innerhalb der Unterstützer/-innen für die indigene Sache Anschauungen vertreten werden, wonach es die Gemeinschaft oder die Kultur strikt zu bewahren gelte. Bewahren kann viel bedeuten. Das reine Konservieren von Traditionen würde jedoch den allermeisten indigenen Gemeinschaften und Völkern nicht gerecht. Sie haben immer schon selbst eine dynamische Entwicklung betrieben, um sich Änderungen in der Außenwelt anzupassen.

 

Umgekehrt wird die historische Kontinuität, die indigene Völker einfordern, oft genug missverstanden. So wird mit dem Hinweis argumentiert, alles, was mit kultureller und religiöser Eigenheit, also Identität zu tun hat, mit indigener zumal, sei nichts als Konstruktion und ändere sich je nach kultureller Umgebung. Daran ist einiges wahr, etwa auch bei Adivasi-Angehörigen, die vorübergehend in urbaner Umgebung leben. Wenn das Argument jedoch gegen die Selbstzuordnung ins Feld geführt wird, entstehen irrige Schlussfolgerungen. Vor rund zwei Monaten schickte mir ein (Adivasi-) Kollege aus Jharkhand einen Werbeflyer für eine große Diskussionsveranstaltung Ende Mai in Delhi zum Thema „Bulding an Inclusive India. Citizens‘ Conclave“ zu. Ich ging die Liste der Vortragenden durch und war beeindruckt. Erst als ich seinen Kommentar dazu las, fiel es mir selbst wie Schuppen von den Augen. Keine einzige Persönlichkeit seitens der Adivasi war zu einem öffentlichen Debattenbeitrag eingeladen.

 

Diejenigen, die sich als Indigene identifizieren, im Schwerpunkt sind es Adivasi in Indien, greifen natürlich auf ihre Geschichte und Tradition zurück, um ihren Anspruch auf ein selbst gewähltes Leben in der Zukunft zu untermauern; was auch sonst. Im Heft führen sie dazu mehrere, konkrete Einzelaspekte und Tätigkeitsfelder auf. Überwiegend sind die Autor(inn)en zum Schwerpunkt selbst Angehörige der Adivasi. Vom eigenständigen Schöpfungsmythos über synkretistische Vermischungen in den Religionen bis zum Widerstand als Ausdruck einer kulturell und religiös begründeten Eigenständig sowie der Debatte um die Weiterentwicklung tradierter Repräsentationsorgane, wie beispielsweise Dorfräte, reichen die Hinweise auf bewusst in Gang gehaltene Kontinuitäten.

 

Von einigen jüngeren Autor(inn)en wird nicht zuletzt auf den Disput mit der vorherrschenden wissenschaftlichen Realitätsbeschreibung und ihrer anhaltend blinden Flecken verwiesen. Sie haben die Auseinandersetzung theoretisch wie methodisch angenommen und entwickeln eigene Konzepte zur konkreten Wissensvermehrung wie zur theoriegeschichtlichen Einordnung. Im Heft mag manches dazu verkürzt angesprochen werden. Die Themenstellung, die Richtung der Argumentation und die Literaturhinweise belegen jedoch das Beharren, auf der Indigenität als grundlegenden Baustein ihrer Zukunft nicht verzichten zu wollen.

 

Das Ringen der gesellschaftlich an den Rand Gedrängten um Respekt und gleiche Rechte bezeugen in den Länderberichten unter anderem ebenso die Bewegung der Lesben, Schwulen und Transgender-Personen in Bangladesch oder Muslima und Frauenbewegungen in Sri Lanka. Aber auch im Länderteil ist nicht alles nur Abwehr gegen Bedrohungen. Die Tragfähigkeit des Waldes zur Ernährungssicherung enthält viel Stoff für die Entwicklung von (lokalen) Zukunftsperspektiven.

 

Eine Abonnentin schrieb vor kurzem, die kritische Beleuchtung der Lebensrealitäten in den Ländern Südasiens durch die Zeitschrift stimme sie traurig, weil sie das Bild des als freundlich und schön empfundenen Landes trübe; gemeint war Indien. Das ist in der Tat ein Dilemma, das nicht leicht aufzulösen ist. Vielleicht hilft es wissen, dass der Redaktion viel an den Ländern und ihren – allermeisten – Bewohner/-innen gelegen ist. Sonst würden wir nicht so nachhaltig davon berichten. Darüber hinaus mögen wir an der einen oder anderen Stelle allerdings auch betriebsblind sein. Den Artikeln im Themenschwerpunkt nach zu urteilen, stellt sich der verengende Blick auf die Realität generell ja häufig ein. Schreiben Sie uns einfach, nachdem Sie das vorliegende Heft hoffentlich mit Interesse und Gewinn gelesen haben,

 

Theodor Rathgeber