Theodor Rathgeber
Editorial Südasien 4/2018

Liebe Leserinnen und Leser,

 

Hena Akter, 27 Jahre alt zur Zeit ihres Interviews 2017 und in Dhaka lebend, konnte sich bis dato nicht einmal in ihren Alpträumen vorstellen, kein Essen kaufen zu können. Und doch, nachdem sie 2015 ihren Master in Geschichte und Kultur des Islam abgeschlossen hatte, fand sie keinerlei Arbeit. Sie schrieb sich mit Bewerbungen die Finger wund, aber die Angeschriebenen antworteten nicht einmal. Sie bewarb sich bei der Regierung (Bangladesh Civil Service; BCS), konkurrierte mit Hunderten anderer, aber erfolglos, gleichwohl sie ein überdurchschnittliches Examen vorweisen konnte. Sie fand es absurd, einen Masterabschluss zu haben, aber ohne Hilfe Dritter hungern zu müssen. Scham gegenüber der Familie und dem sozialen Umfeld waren und sind traumatisch (Interview mit der Tageszeitung The Daily Star vom 14. Juli 2017).

 

Der Schwerpunkt im vorliegenden Heft zu jungen Leuten in Südasien könnte beschwingt daherkommen und all die farbig gemalten, wohlig gehaltenen Zukunftsprojekte aufgreifen, mit denen die Jugend beworben wird. Für einige findet diese Zukunft statt, für den großen anderen Teil bleiben sie Träume. So trocken das klingen mag, es sind die Strukturen in den Ländern Südasiens, die ihnen die Zukunft bislang verbauen; mit Sri Lanka als relativer Ausnahme. So ist es kein Zufall, dass die Artikel zum Schwerpunkt sich auf den Grundbesatz der Länder in Sachen Wirtschaft und politischer Ökonomie konzentrieren, das heißt, die politische Programmierung im Bildungs-, Gesundheits- und Arbeitsmarktsektor. Im Ergebnis stimmt vieles nicht optimistisch, und das Versprechen auf Glück wird sich, wenn überhaupt, mit der Familie und dem Umfeld der Freundinnen und Freunde bescheiden. Die Unterschiede zwischen den Ländern rangieren zwischen der Prognose schlecht bis noch schlechter; makaber ideal für die Industrie zur Erzeugung von Illusionen.

 

In Indien hat die Regierung Modi sich rhetorisch und programmatisch des Jugendüberhangs zwar angenommen, steht sich aber in vielerlei Politikfeldern selbst im Weg. Das Streben nach gesellschaftlicher Harmonie und tradierter Hierarchie, um es zurückhaltend zu formulieren, konterkariert selbst gestandene Institutionen wie die Zentralbank oder weltweit anerkannte Entwicklungs-agenturen wie das UN Entwicklungsprogramm.

 

Über die Verhaftungswellen gegen dissidente Staatsbürger/- innen haben wir in SÜDASIEN Heft 3-2018 schon berichtet. Im vorliegenden Heft erhalten einige davon Gesicht und Biografie – und belegen die abgründige gesellschaftliche Vision der Verantwortlichen. Die Schwere und Unfassbarkeit der politischen Einschränkungen erreichen unter dem Aspekt der Menschenrechtsverletzungen inzwischen auch politische Entscheidungsgremien in Deutschland.

 

Beim Redigieren der Texte zu Pakistan sträubten sich meine Haare. Der Ausblick unter solch polarisierten Bedingungen müsste dringend durch Erzählungen aus einem anderen sozialen und kulturellen Alltag ergänzt werden. Angesichts der Tatsache, dass Pakistan Atommacht ist, bleibt zwar das Schreckensszenario. Aber der geplante Schwerpunkt zu Pakistan in Heft 3 im Jahr 2019 wird hoffentlich auch einen Ausblick auf emanzipative Veränderungen ermöglichen.

 

Kolleg(inn)en in Sri Lanka zeigten sich über die politischen Wirrungen seit Ende Oktober entsetzt und sprachen von einer Bananenrepublik. Nun gut, Elemente davon sind unschwer im politischen Ränkespiel zu finden, aber für eine Bananenrepublik agierten einzelne Akteure und Akteurinnen nicht schlecht. Der tägliche Widerstand durch die Zivilgesellschaft und eine gewisse Unbeirrbarkeit im Festhalten an konstitutionellen Vorgaben durch die Justiz haben den politischen Schaden bislang einigermaßen im Zaum gehalten. Und selbst die Diplomatie westlicher Länder mischte sich ungewohnt deutlich ein.

 

Im Literaturteil betrauern wir den Tod eines anwaltschaftlich aktiven Dichters, der mit seinen Mitteln der indischen und deutschen Gesellschaft kritisch den Spiegel vorgehalten hat. Ein weiterer Beitrag beschäftigt sich mit einer indischen Bildhauerin, in deren Werk und mittels der sprachlicher Zuschreibung des Autors all das aufscheint, was über Indien auch in positiver Weise zu berichten ist. Nicht alles davon mag in gendergerechten Form zum Ausdruck kommen, aber das künstlerische Schaffen in seinem emanzipativen Aufbruch finde ich aufregend dargestellt.

 

Die Weihnachtsfeiertage und der Jahreswechsel stehen vor der Tür. Immer eine bevorzugte Zeit auch zum Lesen. Die Redaktion von SÜDASIEN wünscht Ihnen Muße, entspannte Begegnungen mit anderen, nicht zuletzt Ihrer Familie, einen gelingenden Beginn in das Jahr 2019, und natürlich eine anregende Lektüre,

 

Theodor Rathgeber