Priya Esselborn
Pionierarbeit, veraltet und heute ohne Konzept
Journalistenausbildung in Südasien

Es ist ein Trendberuf. Immer mehr junge Menschen in den südasiatischen Ländern möchten als Journalisten arbeiten. Der Grund: Einige wenige Journalisten, zum Beispiel die indische Journalistin Barkha Dutt, deren Leben sogar den Stoff für den Bollywood-Film Lakshya lieferte, sind selbst Stars in ihren Ländern: Sie verkörpern Glamour - den Traum, erfolgreich, unabhängig und reich zu sein. Dabei ist der Beruf des Journalisten nicht gerade hochangesehen in den meisten Ländern Südasiens. Lange Arbeitszeiten, Schicht- und Nachtarbeit sowie oftmals schlechte Bezahlung sind die Realität. Vor allem für Frauen ist der Beruf gefährlich, wie die Gruppenvergewaltigung einer jungen indischen Fotografin in Mumbai 2013 zeigt, die in einer verlassenen Fabrikhalle mit einem Kollegen Fotos machte. Nur selten sind die Medienvertreter durch eine gute Ausbildung auf ihren anspruchsvollen Beruf vorbereitet worden.

 

Universitäten unterrichten mit einfachsten Mitteln (c) Priya Esselborn

 

Trostlose Leere, eckige Holzbänke: Staatliche Universitäten unterrichten mit einfachsten Mitteln © Priya Esselborn

Es ist ein trauriges Bild, das sich in der Journalistischen Fakultät der Universität Jahangirnagar in Bangladesch bietet. Die Fakultät entstand erst vor wenigen Jahren. Die Regale in der Bibliothek sind leer, einige verstaubte Standardwerke der 1970er und 1980er Jahre rotten vor sich hin. Kaum technisches Equipment: Seminare wie Videoschnitt oder das Erstellen von Radiobeiträgen werden teilweise per Powerpoint-Präsentation vermittelt. Und das auch erst nach vier, teilweise sogar erst nach sechs Semestern, vorher beschränkt sich das Studium auf Medientheorie. Das führt zu der immer wiederholten Klage vieler Medien­unternehmen – ob in Bangladesch oder anderen Ländern Südasiens –, dass die Absolventinnen nicht in der Lage seien, praktisch zu arbeiten oder eine Geschichte journalistisch umzusetzen: von der Idee über die Recherche und das Einholen von Interviews bis hin zum Schreiben, ohne kommentierend zu sein. Und die Universitäten klagen, dass viele ihrer Studierenden nicht richtig lesen und schreiben könnten, dass ihre schulische Ausbildung mangelhaft sei, es ihnen an Grundlagen fehle. Die Studierenden beschweren sich leise – Dozenten sind schließlich Respektspersonen –, dass die Klassen zu groß seien, es kaum Raum für Fragen, Diskussion und Interaktion gäbe, der Unterricht Frontalunterricht sei: alles in allem ein Teufelskreis. Sowieso können die journalistischen Fakultäten nur einen Bruchteil von Journalisten so gut es geht auf ihren Beruf vorbereiten. Meistens sind es etwa 50 bis 60 Studierende pro Semester, die aus Tausenden von Schulabgängern ausgewählt und zum Studium zuge­lassen werden. Doch der Medienboom in den Ländern Südasiens verlangt zugleich nach noch viel mehr gut ausgebildeten Journalisten.


Kaum Investitionen
Leider ist wenig in die universitäre Ausbildung von Journalisten investiert worden. In Nepal zum Beispiel, das seit Jahren ohne Verfassung dasteht und seit dem Ende des Bürgerkriegs sowie den ersten demokratischen Wahlen 2008 schon sieben Premierminister verschlissen hat, ist die Mediengesetzgebung Jahrzehnte alt. Der Radio Act datiert auf das Jahr 1957, der Broadcasting Act auf das Jahr 1997 und der Right to Information Act auf das Jahr 2007. Community-Radiostationen oder neue Medien tauchen in keinem dieser Mediengesetze auf: „Das Land hat andere Probleme, als sich um Mediengesetze oder eine Verbesserung des Medienumfelds zu kümmern“, heißt es auf Nachfrage lapidar.


Ein ähnliches Bild finden wir in Bangladesch und Afghanistan
 Sechs staatliche Universitäten bieten in Bangladesch Journalismus als Studienfach an. Die Dozenten aber haben meist keine pädagogische Ausbildung, die wenigsten haben selbst in den Medien gearbeitet, sondern wurden direkt nach ihrer universitären Ausbildung rekrutiert. Die Leitung jeder staatlichen Universität wird politisch besetzt, die Universitäten unterstehen offiziell dem Präsidenten. Die politische Lähmung des Landes durch die persönliche Feindschaft zwischen der derzeit regierenden Premierministerin Sheikh Hasina von der Awami League und ihrer Erzfeindin, der ehemaligen Premierministerin Khaleda Zia von der Bangladesh Nationalist Party (BNP), spiegelt sich auch in den Medien wider. Diese gehören entweder dem einen oder dem anderen Lager an. Die Lage der Universitäten zu verbessern hat in einem derart politisch aufgeheizten Umfeld keine Priorität.


Und in Afghanistan, dessen jüngere Geschichte durch Krieg und ethnische Konflikte geprägt ist, müssen die Universitäten seit dem Sturz der Taliban 2001 teilweise erst völlig neu aufgebaut werden. So beklagen die Dozenten zum Beispiel an der Universität Balkhin Mazar-i-Sharif nicht nur, dass es ihnen an technischer Ausstattung und Büchern fehle, sondern auch, dass sie selbst nur den gleichen Studienabschluss haben wie die Studierenden, die sie ausbilden sollen: einen Bachelor Degree. Das mache es für sie schwer, die Rolle des Dozenten einzunehmen.


Dabei verfügen die drei erwähnten Länder – Nepal, Bangladesch und Afghanistan – über ein dynamisches Mediensystem, das durch den verbesserten Lebensstandard aufgrund höherer Einkommen und durch den langsamen Abbau der Analphabetenrate wächst und aus Hunderten von Unternehmen in allen Medien (TV, Print/Online und Radio) besteht. Hier ist es wichtig zu bedenken, dass viele Länder Südasiens sehr „jung“ sind. Über 60 Prozent der Menschen in Afghanistan sind zum Beispiel jünger als 24 Jahre. Eine gute Ausbildung – nicht nur für Medienberufe – sichert die Zukunft dieser Nationen.


Laut dem World Journalism Education Council gab es 2012 160 private und staatliche Institutionen in Südasien, die Journalistenausbildungen anbieten: 102 in Indien, 35 in Pakistan, 14 in Bangladesch, sechs in Sri Lanka und drei in Nepal. Die generelle Kritik bezieht sich auf vier Problemfelder:

  1. Keine Regulierung des Sektors und fehlende Vision
  2. mangelnde Ressourcen und Infrastruktur
  3. überholte Curricula und
  4. fehlende Unterstützung seitens der Medienindustrie.1

Ausnahme Indien
Einzige Ausnahme unter den Ländern Südasiens ist dabei Indien. Die größte Demokratie der Welt hat trotz vieler Defizite im Mediensektor – Korruption und sensationsheischende, nationalistisch angehauchte Berichterstattung, um nur zwei zu nennen – ein relativ gutes Ausbildungssystem für angehende Journalisten, das sowohl staat­liche als auch private Institutionen einschließt. Das Land ist politisch stabil. Für die angehenden Journalist(inn)en sind inzwischen immer mehr Spezialisierungen möglich: zum Beispiel die zum Wirtschaftsjournalisten wie am BSE(Bombay Stock Exchange)-Institut in Mumbai. Viele Länder – Afghanistan, Bangladesch und Nepal zum Beispiel – lassen ihre akademische Elite deshalb in Indien aus- und weiterbilden.


Geschichte der Journalistenausbildung in Südasien
Die Geschichte der Journalistenausbildung lässt sich in vier Phasen gliedern, die wiederum eingeteilt werden können in die Ausbildung vor der Unabhängigkeit und nach der Unabhängigkeit der Länder Südasiens.2 Vor der Unabhängigkeit war der Journalismus geprägt durch zwei unterschiedliche Ideologien: Die Briten, die viele Zeitungen auf dem Subkontinent herausgaben, wollten die britische Kolonialherrschaft absichern; die gebildeten nationalen Eliten dagegen hofften, den eigenen Freiheitskampf anheizen und Millionen ungebildeter Menschen mit Informationen versorgen zu können. 1938 wurde im damaligen Britisch-Indien an der Universität Aligarh zum ersten Mal ein Kurs zur praktischen Anleitung von Journalisten eingeführt, der aber nur einige Jahre Bestand hatte. An der Punjab University in Lahore im heutigen Pakistan wurde dann 1941 zum ersten Mal Journalismus als Studienfach eingerichtet, und es hatte Bestand. Bis zu den 1960er Jahren entstanden auch Kurse in Sri Lanka und im heutigen Bangladesch. In den 1960er und 1970er Jahren kamen neue Inhalte in der universitären Ausbildung hinzu, wie Medientheorie, PR und Kommunikation. Dies machte die Ausbildung vielfältiger. Die dritte Generation war beeinflusst von der Ausbildung an westlichen Universitäten, vor allem im englischsprachigen Raum, und integrierte andere Disziplinen in die universitäre Ausbildung für Journalisten: zum Beispiel politikwissenschaftliche, soziologische, wirtschaftliche und geschichtliche Aspekte. Die letzte Phase der universitären Ausbildung, in der sich die meisten Länder Südasiens 2014 befinden, zeigt die Diversifizierung der Ausbildung: Immer mehr private Einrichtungen bieten Kurse in Journalismus an, die Spezia­lisierung wächst und viele Medienunternehmen, vornehmlich in Indien, haben eigene Journalistenschulen aufgebaut, um die Ausbildung ihrer Mitarbeiter maßgeschneidert gestalten zu können. Hinzu kommen neue Technologien, die sozialen Netzwerke wie Facebook und Twitter sowie neue Trends, darunter Bürgerjournalismus oder Mobile Reporting, welche ganz neue Anforderungen an Lehre, gesetzliche Rahmenbedingungen und Umsetzung stellen. Und auch die vielen Konflikte, in denen sich Südasien noch immer gefangen sieht, verlangen von Journalisten, die über diese Spannungen oder aus den Krisenregionen berichten, ein hohes Maß an konfliktsensitiver Berichterstattung.


Auswirkungen
Wenn die Professionalität unter den Journalisten fehlt, hat das verheerende Auswirkungen auf die Menschen. Sie können ihr Recht auf Information, das ihnen in den Verfassungen Südasiens garantiert ist, nicht wahrnehmen, nicht am gesellschaftlichen und politischen Diskurs teilhaben. Viele Journalisten sind anfällig für Bestechung, lassen sich durch politischen Druck verunsichern und kennen ihre eigenen Rechte nicht. Daher bleibt das berühmte Zitat wahr, das freie Medien als eine tragende Säule der Demokratie bezeichnet. Der Ursprung kann nicht einwandfrei geklärt werden, aber es begrüßt im den Medien gewidmeten Newseum jeden Besucher: „Menschen haben ein Recht, etwas zu erfahren. Journalisten haben das Recht, zu berichten. Die Fakten zu finden, kann teilweise schwierig sein. Über eine Geschichte zu berichten, kann sogar gefährlich sein. Verantwortung heißt, sich zu verpflichten, immer fair zu bleiben. Nachrichten zeigen, wie sich Geschichte entwickelt hat. Und Journalisten liefern den ersten Entwurf von Geschichte.“

Endnoten
1    www.academia.edu/6761603/Paradigm_Shift_in_Journalism_Education_at_University_Levels_in_South_Asia_In_Search_of_a_New_Adaptive_Model.
2    Ebenda.

 

Zur Autorin
Die Journalistin Priya Esselborn ist als Regionalkoordinatorin der Deutsche Welle Akademie für die Region Südasien zuständig und betreut die Länder Afghanistan, Pakistan, Bangladesch, Indien, Nepal und Sri Lanka. Die Deutsche Welle Akademie ist dort neben der Aus- und Weiterbildung von Journalisten, auch in der Beratung von Universitäten zur Reform ihrer Lehrpläne tätig. Zuvor leitete Priya Esselborn die Hindi-Redaktion der Deutschen Welle. Sie berichtet für DW und ARD bei Konflikten, Wahlen und Katastrophen immer wieder aus Südasien.

Südasien 3-4/2014