Debjeet Sarangi
Erst wenn uns Land und Wald wieder gehören, gehört uns auch wieder unser Leben
Modernisierungsprozesse setzen die Ernährungssicherheit der Adivasis aufs Spiel

Die weltweite indigene Bevölkerung wird auf 370 Millionen geschätzt. 104 Millionen davon sind Adivasis, die in Indien ihr Zuhause haben. Sie vertreten eine Vielfalt an Kulturen und Traditionen, die sie im Einklang mit ihrer Umwelt entwickelt haben. Ihre soziokulturellen und institutionellen Errungenschaften setzen sie dafür ein, ihren materiellen und sozialen Wohlstand zu sichern, was sich auch in ihrer speziellen Wirtschaftsweise ausdrückt. Materieller und sozialer Wohlstand werden hier durch Strategien der Kooperation und nicht des Wettbewerbs angestrebt.

Ihren Lebensunterhalt sichern die Adivasis zu einem bedeutenden Teil durch die Nutzung des Waldes. Dort finden sie nahezu die Hälfte ihrer täglichen Nahrung. Ihnen den Zugang zu den Wäldern zu verwehren hat also direkten Einfluss auf ihre Lebensqualität, ihre Ernährungslage und ihre Gesundheit. Forschungsdaten zeigen, dass die Waldfrüchte eine entscheidende Nährstoffergänzung zum Ernährungsplan der Adivasigemeinschaften darstellen. Ebenso erweist sich die ökologische Vielfalt des Waldes als zuverlässige, ganzjährige Nahrungsquelle, die einen ausgewogenen Speiseplan gewährleistet.


Die urbane Elite stellt sich die Nahrungsbeschaffung im Wald häufig mühsam und undankbar vor. In Dialogforen mit Adivasigemeinschaften sprechen deren Vertreter aber häufig davon, dass ihnen die Versorgung mit Nahrungsmitteln aus dem Wald ein würdevolles Leben ermöglicht. Diese Nahrungsquellen haben sie selbst in Zeiten schlimmster Hungersnöte nie im Stich gelassen, wie sowohl Aufzeichnungen aus der britischen Kolonialzeit als auch die Berichte der Indischen Hungersnot Kommission (Indian Famine Commission) bestätigen.


Untersuchungen der Organisation Living Farms zufolge deckt der Wald stets 30 bis 45 Prozent des Nahrungsmittelbedarfs der Adivasis, sei es im Sommer, Winter oder zur Regenzeit. Diese Angaben beziehen sich sowohl auf die Menge als auch auf die Ausgewogenheit der Nahrung. Waldfrüchte enthalten viele vom Menschen verwertbare Mikronährstoffe und sind darum für die Ernährung dieser Gemeinschaften weitaus bedeutender als der in Indien verbreitete geschälte Reis. Abgesehen davon, dass Reis von den Gemeinschaften teuer erworben werden muss und häufig das Produkt einer chemieintensiven Agrarindustrie ist, versorgt er die Menschen auch ausschließlich mit Kohlenhydraten, was ohne zusätzliche Nahrungsmittel zu Mangelernährung führen kann.


Mangelernährung trotz Überfluss
Doch heute leiden auch viele Adivasis unter Mangelernährung. Alarmierend ist diese unter den Kindern. Zwischen 2005 und 2006 galten 54 Prozent der unter fünfjährigen Kinder indischer Adivasis als chronisch unterernährt und – beispielsweise bezüglich ihrer Körpergröße – als unterentwickelt. Studien, die zwischen 2006 und 2013 in verschiedenen Bundesstaaten des ländlichen Indiens durchgeführt wurden, offenbaren einen bleibend hohen Anteil an in ihrer Entwicklung gehemmten Adivasikindern. Dieser liegt zwischen 50 und 60 Prozent.


Eine UNICEF-Studie von 2013, die Daten aus den elf Bundesstaaten mit dem höchsten Anteil an Stammesbevölkerung auswertete, zeigt einen proportionalen Anstieg der chronisch unterernährten Adivasikinder mit zunehmendem Alter: Lag der Anteil mangelernährter Kinder in der Gruppe der bis zu fünf Monate alten Babys bei einem Viertel, verdoppelte er sich bei den sechs- bis elfmonatigen und lag bei den 18-monatigen Babys bereits bei 75 Prozent. Wie sind diese Informationen zu bewerten?


Der hohe Grad an Mangelernährung unter Adivasikindern führt dazu, dass sie mit einer wesentlich höheren Wahrscheinlichkeit erkranken oder sterben. Von tausend indigenen Kindern erleben 96 ihren fünften Geburtstag nicht. Demgegenüber liegt der Durchschnitt an Kindern, die vor ihrem fünften Geburtstag sterben, in der Gesamtbevölkerung Indiens bei 74.


Marginalisierung und Enteignung
Ursache für diese innerhalb der Stammesbevölkerung verstärkt auftretende Mangelernährung ist deren gesellschaftliche Marginalisierung, die mit einem Verlust ihres angestammten Lebensraumes einhergeht. Die staatliche Aneignung der Wälder bedeutete für sie nicht nur einen Anschlag auf ihre Lebensqualität und ihre Würde als Lebensgemeinschaft, sondern auch ein plötzliches Wegfallen ihrer traditionellen Nahrungsquellen und Lebensaufgaben.


Der Anthropologe Verrier Elwin stellte einmal fest, für indigene Völker sei das Paradies ein meilenweites Waldland ohne Forstbeamten. Heute sind jedoch die Wälder für den Staat zu einer enormen Einnahmequelle geworden, und Stammesvölker sehen sich zunehmend an der Jagd, am Sammeln von Waldfrüchten sowie am traditionellen Ackerbau gehindert. Die Waldflächen werden immer kleiner. Seit die Adivasis ihr Essen nicht mehr auf herkömmliche Weise im Wald sammeln, jagen oder anbauen können, leiden sie an Hunger und Armut.


Die Wohngebiete der Adivasis sind reich an Bodenschätzen und anderen Ressourcen, was die Förderindustrie auf den Plan rief und umfangreiche Zwangsumsiedlungen zur Folge hatte. Nach dem aktuellen High Level Panel Report, einer umfassenden Prüfung der sozioökonomischen Lage der circa 700 Adivasi-Gemeinschaften des Landes zählen 40 Prozent aller Personen in Indien, die wegen kommerziellen Entwicklungsprojekten zwangsumgesiedelt wurden, zur Stammesbevölkerung. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt dabei weniger als zehn Prozent.


Die meisten Wissenschaftler schätzen das Ausmaß der Vertreibung sogar auf mindestens das Dreifache, da sie Menschen mitberücksichtigen, die nicht offiziell im Besitz des Landes waren, auf dem sie ihren Lebensunterhalt erwirtschafteten. In einem Essay des World Bank Development Report schätzt Ekka beispielsweise den Anteil der Adivasis unter den Menschen, die zwischen 1951 und 1995 in Jharkhand durch Großprojekte vertrieben wurden, auf 90 Prozent.


Adivasis haben keine Stimme
In die Entscheidungsprozesse über die Landnutzung wurden die Adivasis nicht einbezogen. Die herrschende öffentliche Meinung sah die Enteignung dieser Menschen als „legitimen Preis“, der im Interesse des „nationalen Wachstums“ zu zahlen sei. In diesem gesellschaftlichen Diskurs hatten die Anliegen einer Stammesbevölkerung und ihrer Kinder, über deren Zukunft entschieden werden sollte, keine Stimme. Erst im Jahr 2013 wurden Gesetze verabschiedet, die den Menschen, die Land und Existenzgrundlage durch Zwangsenteignungen verloren hatten, einen rechtlichen Anspruch auf Rehabilitation zusichern. Erfolgreiche Beispiele von Wiederansiedlung und Rehabilitation blieben bisher jedoch aus. Kaum eine Gemeinschaft von Vertriebenen erhielt eine adäquate finanzielle und lebensräumliche Entschädigung, die ihren Verlust durch kommerzielle Entwicklungsprojekte angemessen ersetzt hätte.


Der Verlust des Lebensraums und der Existenzgrundlage treibt viele Menschen in die Arbeitsmigration, zumeist als ungelernte Handwerker auf Ziegelbrennereien und Baustellen. Der Migrationsprozess hinterlässt tiefe Spuren bei den kleinen Kindern. Ihre übereilte und erzwungene Integration in die Mehrheitsgesellschaft hat sie äußerst verwundbar zurückgelassen. Während die Eltern arbeiten, versorgen ältere Kinder ihre jüngeren Geschwister. Meist leben sie in höchst ungesunden Verhältnissen. Ihrer traditionellen Nahrungsquellen und ihrer Existenzgrundlage beraubt, sind sie in ihrer Möglichkeit, würdevoll heranzuwachsen, schwer getroffen. In ihrem früheren Lebensraum konnten Kinder auf unterschiedlichste Weisen essbare Früchte, Wurzeln und Blüten im Wald und von den Gütern der Dörfer sammeln, in ihrem neuen Umfeld sind diese Möglichkeiten verloren.


Rechtlicher Schutz vor Enteignung
In Odisha und Jharkhand, wo die Armut unter Adivasis am höchsten ist, war auch das Ausmaß an Vertreibung am umfassendsten. Häufig ist eine schwache Regierungsführung für Armut und chronische Mangelernährung unter Adivasikindern verantwortlich zu machen. Die meisten Bundesstaaten, die einen großen Anteil an Stammesbevölkerung aufweisen, haben Gesetze verabschiedet, die die unrechtmäßige Enteignung von Adivasis unterbinden und die Entschädigung von Enteignungen aus der Vergangenheit regeln sollen. Allgegenwärtige Befangenheit und Korruption auf der Verwaltungsebene verhindern jedoch, dass dieser Rechtsschutz für Adivasigemeinschaften tatsächlich zum Tragen kommt. Die derzeit vorherrschende Wachstumsideologie stellt ein noch investorenfreundlicheres Klima in Aussicht, in dem wahrscheinlich die wenigen, zwar unzulänglichen, aber hart erkämpften Rechte von Landlosen und Enteigneten in die Hände der Großkonzerne übergehen werden. Aktuellen Angaben des Wald- und Umweltministeriums der indischen Regierung zufolge, die ich und Kollegen durch das „Recht auf Information“ zusammentragen konnten, liegt die Fläche an Waldland, die täglich im ganzen Land verschachert wird, bei 135 Hektar pro Tag. Trotz der massiven Bedrohung des Ökosystem Wald in Indien haben die Adivasigemeinschaften ihre Verantwortung für den Schutz ihrer Wälder nicht aufgegeben.


Wiedergewinnung von Lebensraum
Die Ernährung der Adivasigemeinschaften in Indien wird letzten Endes davon anhängen, inwieweit sie Zugang zu biologisch vielfältigen Lebensräumen haben und davon, ob sie ihren ökologisch gesunden und nachhaltigen Lebensstil fortführen können.


Die Gestaltung der meisten Ernährungsvorgaben im Land spiegelt eher staatliche Wohlfahrt und Bevormundung wider als dass sie zu selbstbestimmter Ernährung befähigt. Die Vorgaben ignorieren alle existenziellen Probleme der Adivasis wie Armut, Verschuldung oder die Ernährungssicherung im Haushalt. Sie vernachlässigen auch, dass eine sinnvollen Ernährungswirtschaft nur gewährleistet werden kann, wenn Staat und Bürger zusammenarbeiten. Indien behauptet, die Armut im Land reduziert zu haben, aber die Zahlen im Bereich Hunger und Unterernährung sind kurz vor Ablauf der Frist für die Millenniums-Entwicklungsziele (MDG) unverändert. Wir müssen uns fragen, wieso? Die Rahmenvorgaben zur Lebensmittelsicherheit, wie sie in der Debatte um nachhaltige Entwicklungsziele ins Spiel gebracht wurden, sind in diesem Zusammenhang zu begrüßen. Denn hier herrscht ein Verständnis davon, dass Hunger und Mangelernährung nicht bloß ein vertriebsstrukturelles Problem sind, sondern auch eines der mangelnden Ressourcensouveränität der Marginalisierten.


Die Durchsetzung jener Gesetze, die den Adivasis den Zugang zu ihren Ländern und Wäldern ermöglichen, muss ebenso dringlich erfolgen wie ihr Anschluss an das öffentliche Gesundheitssystem und die Förderung ihrer bewährten indigenen Anbausys­teme des gemischten Landbaus. Dieser Mischbau bietet die Möglichkeit, nährstoffreiche und vielfältige Lebensmittel anzubauen und somit das Angebot an Waldfrüchten zu ergänzen.


Die Zustimmung einer gram sabha (Dorfrat) sollte jeder etwaigen Veräußerung von Stammesland vorausgehen müssen. Das Recht von Stammesgemeinschaften, der Veräußerung ihres Landes nicht zuzustimmen und selbst ihre Wälder und andere Gemeingüter zu verwalten, muss anerkannt werden. Eine stärkere und striktere Anwendung der Gesetzgebung zum Waldrecht muss gewährleistet werden.


„Erst wenn uns Land und Wald wieder gehören, gehört uns auch wieder unser Leben“, sind die Worte einer Kondh-Ältesten, einer Adivasi.


Deutsch von Axaram

 

Zum Autor
Debjeet Sarangi arbeitet seit 1991 mit Adivaisgemeinschaften in Odisha, Indien. Sein Arbeitsschwerpunkt liegt auf lokalen Nahrungmittelsystemen und den Zugangsrechten von Stammesgemeinschaften zu Land, Wald und Saatgut als Strategie, Mangelernährung bei Müttern und Kindern zu bekämpfen.

Südasien 1/2015