Gunther Nogge und Ehsan Arghandewal
Der Habicht ist König, der Sperber Prinz und der Falke Soldat
Vogelhaltung und Vogeljagd in Afghanistan

Vögel spielen im Leben der Afghanen eine große Rolle. Einerseits halten sie Singvögel verschiedener Arten in Käfigen, um sich an ihrem Anblick und ihrem Gesang zu erfreuen und setzen Wachteln und Steinhühner in Wettkämpfen ein. Andererseits bereichern Vögel auch den Speiseplan, vor allem südlich des Hindukusch zur Zeit des Vogelzugs. Im Frühjahr fallen dort viele Singvögel und Wassergeflügel Vogelfängern und -jägern zum Opfer. Jagdgeschichtlich besonders interessant sind die Methoden für das Anlocken von Störchen und Kranichen. Auch die Beizjagd, bei der Greifvögel zur Jagd eingesetzt werden, hat eine lange Tradition in Afghanistan.

Aus zoologischer Sicht ist Afghanistan eines der interessantesten Länder der Erde. Zum einen verzahnen sich hier zwei tiergeografische Regionen, die Paläarktis (nördliches Eurasien) und die Orientalis (Indien). Zum anderen zeichnet sich Afghanistan durch eine Vielfalt an Lebensräumen aus, wie man sie nur selten in einem einzigen Land findet. Unter diesen Bedingungen hat sich eine außerordentlich artenreiche und in ihrer Zusammensetzung sehr bemerkenswerte Fauna entwickelt (Nogge und Arghandewal 2012). So gibt es allein an die 500 Arten von Vögeln, beinahe so viele wie in ganz Europa (Miller et al. 2010). Die Haltung von Vögeln in menschlicher Obhut hat in Afghanistan wie auch sonst in Vorder- und Südasien eine jahrhundertealte Tradition (Kühnert 1971), was durch zahlreiche persische und indische Miniaturen belegt ist. So ließen etwa die Mogulkaiser Jehangir und Shahjehan die Bewohner ihrer Vogelhäuser durch ihre Hofmaler verewigen.


Im Basar von Kabul sieht man vor den Läden vieler Händler und Handwerker Käfige mit Singvögeln hängen. Die Käfige, aus Holzstäben und Draht gefertigt, sind von quadratischer Grundfläche und nach oben spitz zulaufend. Allerdings werden die traditionellen handgefertigten Käfige neuerdings mehr und mehr durch importierte Massenware verdrängt. Die am häufigsten gehaltenen Arten sind Stieglitze (Carduelis carduelis caniceps), Rotstirngirlitze (Serinus pusillus) und Kalanderlerchen (Melanocorypha calandra). Beliebt sind aber auch Braunkopfammern (Emberiza bruniceps), Weißohrbülbüls (Pycnotus leucotis) und Hirtenstare (Acridotheres tristis). Das Motiv für die Haltung ist die Freude am Gesang der Vögel, ihre Farbenpracht und ihr possierliches Wesen.


Kabuls Vogelmarkt
Um den Bedarf der Vogelliebhaber zu decken, gibt es in Kabul nach wie vor einen gut bestückten und viel besuchten Vogelmarkt (Ostrowski 2006). Abgesehen von den wenigen Arten, die wie überall auf der Welt gezüchtet werden (Brieftauben, Kanarienvögel und Wellensittiche), handelt es sich bei der überwiegenden Zahl der zum Kauf angebotenen Vögel um Wildfänge. Gefangen wird, was man kriegen kann, und das ist wesentlich von der Jahreszeit abhängig. Die besten Fangmöglichkeiten gibt es zur Vogelzugzeit im Herbst und besonders im Frühjahr. Hinzu kommt, dass der Landmann in den Wintermonaten eher Zeit für den Vogelfang findet als im Sommer. So kommen während des Winterhalbjahres manchmal Hunderte bis Tausende Rotstirngirlitze und Kalanderlerchen auf den Markt. Ein anderes Mal überwiegen Stieglitze, die wegen ihres Gesanges und ihres bunten Gefieders gleichermaßen als Käfigvögel geschätzt sind. In einem Winter gab es plötzlich ein riesiges Angebot an Seidenschwänzen (Bombycilla garrulus). Kein Tag vergeht, an dem nicht wenigstens 10-20 verschiedene Vogelarten angeboten werden, darunter nicht selten so ausgefallene wie Felsenkleiber (Sitta tephronata) und Wiedehopf (Upopa epops), Drosselrohrsänger (Acrocephalus arundinaceus) und Nachtigall (Luscinia megarhynchos). Ein Gang über den Vogelmarkt ist also immer interessant. Nirgendwo in Afghanistan erhält man so lebendigen Anschauungsunterricht in Sachen Vogelkunde wie auf dem Basar.


Kampfhähne
Während die Mehrzahl der gehandelten Vögel der Käfighaltung zugeführt wird, werden Wachteln (Coturnix coturnix) und Chukar-Steinhühner (Alectoris chukar) als Kampfvögel eingesetzt. Dabei ist die Wachtel der Kampfvogel des kleinen Mannes. Als Arena dient ein Tuch, das in einer Teestube oder an einem schattigen Plätzchen im Basar ausgebreitet wird. Fünf bis acht Minuten dauert ein Kampf, der stets unblutig endet, da die unterlegene Wachtel freiwillig das Feld räumt. Auf den Sieger werden Wetten abgeschlossen, und siegreiche Kampfwachteln werden oftmals zu Fantasiepreisen gehandelt. Im Frühjahr und im Herbst ist Wachtelkampfsaison. Frisch gefangenen Vögeln werden die Flügel gestutzt, sodass sie nicht wegfliegen können. Um ihren Aggressionstrieb zu steigern, werden sie in der Hand zum Schwitzen gebracht oder in ein Tuch gewickelt. Trainiert wird mit einem vorgehaltenen Spiegel. Besitzer von Steinhühnern sind besser angesehen, denn diese Vögel sind größer, langlebiger und teurer. Ihre Kämpfe sind eindrucksvoller und dauern länger – bis zu drei Stunden. Die Steinhuhnkämpfe, deren Hochsaison im Mai ist, finden im Freien an althergebrachten Plätzen statt.


Das Königshuhn, König des Hochgebirges
Andere Hühnervögel wie die Regenwachtel (Turnix coromandelica), das Grauhals–Rebhuhn (Ammoperdix griseogularis), der Halsbandfrankolin (Francolinus francolinus), der Wachtelfrankolin (F. pondicerianus) oder das mächtige, an die drei Kilogramm schwere Himalaja-Königshuhn (Tetraogallus himalayensis) werden offenbar nur wegen ihrer Balzrufe gehalten. Der Ornithologe Günther Niethammer bezeichnete die Königshühner als die Könige unter den Vögeln der Hochgebirge Asiens, denn sie sind so groß und kraftvoll wie das Auerhuhn, schnell und ausdauernd zu Fuß wie das Steinhuhn und als rasante Gleitflieger haben sie nicht Ihresgleichen (Niethammer 1972). Sie thronen über vielen anderen Vögeln und über den meisten Großsäugern der Hochgebirge in der Nachbarschaft des ewigen Schnees und lassen sich nur selten unter 4000 Meter herab. Afghanische Jäger tarnen sich mit einer Leopardenmaske, wenn sie sich den Königshühnern nähern. Während diese nämlich beim Anblick eines Menschen sofort die Flucht ergreifen, bleiben sie angesichts eines Leoparden ruhig. Sie springen vielleicht auf einen Fels, um von da aus zu sichern und zu warnen, streichen aber nicht gleich ab. Lebend werden Königshühner mit Schlingen gefangen oder sie werden aus Eiern ihrer Gelege aufgezogen.


In Europa präsentierte der Londoner Zoo im Jahre 1865 erstmals ein Himalaja-Königshuhn. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts kamen weitere in den Berliner Zoo, aber auch dieser machte die Erfahrung, dass sich die Hochgebirgsvögel in Europa sehr schwer halten lassen. Und das hat sich bis heute nicht geändert. Die einzigen Vertreter ihrer Art in Europa findet man zur Zeit in Moskau, dessen Zoo auf die Tierwelt Zentralasiens spezialisiert ist.


Jagd auf Singvögel und Enten
Singvögel werden mit Schlingen gefangen. Man verwendet Rosshaare oder lieber noch die haltbareren Steinbock- oder Markhorhaare. Die Schlingen werden im Abstand von circa sechs Zentimetern an einem langen dunklen Baumwollfaden befestigt, welcher auf einem freien, noch unbestellten Feld ausgelegt wird. In einem Abstand von etwa einem Meter werden Holzstöckchen in die Erde geschlagen, die den Schlingenfaden circa fünf Zentimeter über dem Erdboden gespannt halten. Darunter werden Hirsekörner ausgestreut. Für den Fang von Lerchen werden zur Anlockung außerdem Käfige mit gefangenen Lerchen an Stangen etwa eineinhalb Meter über dem Boden aufgehängt. Diese Methode ist außerordentlich ergiebig. Dies zeigt nicht nur das Angebot an Käfigvögeln auf dem Vogelmarkt.


Neben dem Vogelmarkt gibt es nämlich noch einen Wildbretmarkt, der ornithologisch ebenso ergiebig ist wie der Markt für lebende Vögel. Mehr als 60 Vogelarten wurden dort im Laufe der Jahre identifiziert (Nogge und Niethammer 1972), ein stattlicher Ausschnitt der artenreichen Vogelwelt Afghanistans. Dabei ist zu bedenken, dass viele Arten für den Markt gar nicht infragekommen, weil es sich entweder um seltene Irrgäste oder reine Sommervögel wie Kuckuck (Cuculus canorus) oder Pirol (Oriolus oriolus) handelt oder um Arten, die nicht in der Nähe vorkommen, wie etwa die vielen Waldvögel Nuristans. Geschossen wird offensichtlich auf alles, was sich bewegt. Neben Körben voller Singvögel hängen Trauben von Enten, gelegentlich Kraniche und Reiher sowie ab und zu ein Krauskopfpelikan (Pelecanus crispus). Gegenüber europäischen Speisekarten ist das Spektrum mit Arten wie Störchen, Staren (Sturnus vulgaris), Kiebitzen (Vanellus vanellus) und Alpenkrähen (Pyrrhocorax pyrrhocorax) also deutlich erweitert. Andererseits bleiben manche Gruppen auch ausgespart, so Eulen und Greifvögel, Rabenvögel, Sperlinge, Hirtenstare, Wiedehopfe und Felsenkleiber. Hierbei dürften einerseits Motive aus Glauben und Aberglauben eine Rolle spielen. Bei anderen Arten mag einfach die Dichte der Vögel so gering sein, dass kaum die Wahrscheinlichkeit besteht, einen zu erlegen.


Jagdsaison im Winterhalbjahr
Die Jagdsaison ist das Winterhalbjahr. Viele Wasservögel überwintern an den wenigen Seen in der Nähe von Kabul oder rasten hier auf dem Zuge zu oder von ihren Winterquartieren. Vor allem im Frühjahr kommt es in Kohestan, nördlich von Kabul, zu einer Konzentrierung der Zugvögel (Niethammer und Niethammer 1967). Der Grund ist der Verlauf der Gebirge in diesem Gebiet. Der niedrigste Übergang über den Hindukusch ist der Salang-Pass in 3658 Metern Höhe. Hierüber – seit 1964 durch einen 3200 Meter hoch gelegenen Tunnel – führt die Verkehrsachse, die Nord- und Südafghanistan miteinander verbindet. Hierüber führt aber auch eine der bedeutendsten Vogelzugstraßen Asiens. Je weiter man sich von Süden dem Salang-Pass nähert, desto enger rücken die Gebirgszüge zusammen. Sie bilden regelrecht einen Trichter, der den Vogelzug direkt auf den Übergang lenkt. Da eine solch ausgeprägte Leitlinienwirkung am Nordhang des Hindukusch fehlt, verläuft der Herbstzug viel gestreuter und unauffälliger als der Frühjahrszug.


Vor dem großen Sprung über den Salang legen die Zugvögel noch einmal eine Rast ein. Manchmal verurteilt sie auch ungünstige Witterung zu tagelangem Aufenthalt. Dabei laufen sie Gefahr, gefangen oder getötet zu werden. Denn die Jäger kennen das Zugverhalten der Vögel genau und nutzen es für ihre Zwecke. So haben sich hier am Fuße des Salang-Passes zum Teil einzigartige Jagdmethoden entwickelt (Nogge 1973), die bis zum heutigen Tage gepflegt werden. Um Stare oder andere Singvögel zur Rast zu verleiten, werden in Bäumen Vogelattrappen angebracht, die aus angebrannten Holzstücken oder Stoffresten hergestellt werden. Auf dem Wege zum Salang-Pass findet man überall flache, aufgestaute Gewässer, die mit Attrappen von Enten bestückt sind. Diese sind manchmal aus Holz geschnitzt, zumeist aber aus Ton und Kuhmist geformt. Als Fuß haben sie einen Stock, der so weit in den Grund gestoßen wird, dass ihr Körper gerade oberhalb der Wasseroberfläche zu liegen kommt. Am Rande des kleinen Weihers befindet sich ein aus Steinen und Lehm errichteter Schießstand, der meist noch mit Zweigen abgedeckt wird, sodass er den Jägern vollkommenen Sichtschutz bietet. Durchziehende Entenvögel lädt ein solcher Weiher, auf dem ja bereits vermeintliche Artgenossen eingefallen sind, allzu leicht zur Rast auf der langen Wanderung ein.


Storchenjagd
Auch bei der Jagd auf Störche (Ciconia ciconia asiatica) werden Attrappen zum Anlocken verwandt (Niethammer 1972). Eine Storchenattrappe besteht aus dem Balg eines erlegten Storchs, der einer aus Holz, Stroh und Baumwolle hergestellten Puppe übergezogen wird. Bis zu 50 derartiger Attrappen stehen in und um einen aufgestauten Weiher, wie er auch zur Entenjagd angelegt wird. Die Besonderheit besteht jedoch darin, dass außer Attrappen auch lebende Störche als Lockvögel eingesetzt werden. Hierbei handelt es sich um angeschossene und gesund gepflegte Störche. Je nach Schwere der Verletzung erlangen sie sogar ihre Flugfähigkeit wieder.


Einmal sahen wir eine ganze Gruppe zahmer Störche auf die Lockrufe ihres Besitzers hin mehrere hundert Meter weit fliegen. Manche lebten schon 15-20 Jahre in menschlicher Obhut. Es wurde uns sogar von Störchen berichtet, die sich hier fortgepflanzt hatten.


Kreist eine Wolke durchziehender Störche am Himmel, machen die Jäger ihre Gewehre, meist Vorderlader, schussbereit und kriechen in den Schießstand. Ein Mann schießt mit einem Bogen, der zwei Sehnen besitzt, zwischen denen ein rechteckiges Stück Leder befestigt ist, kleine Fische oder Fleischstückchen in den aufgestauten Weiher, worauf sich die Störche eilig und mit langen Schritten stürzen. Auf diese Weise wird die Aufmerksamkeit der durchziehenden Störche erregt, und oftmals erliegen sie der Täuschung, einen sicheren, nahrungsreichen Rastplatz vor sich zu haben, an dem sich bereits andere Artgenossen eingefunden haben. Die zahmen Störche sind übrigens durch schwarze Schleifen, die man ihnen an die Beine gebunden hat, kenntlich gemacht, sodass sie nicht versehentlich abgeschossen werden.


Kranichjagd
Bei einem unserer Besuche in Kohestan im Jahre 1972 kamen wir dahinter, dass es auch spezielle Kranichjagdplätze gibt. Während die Storchenjagdplätze entlang des Pandschirflusses liegen, befinden sich die Kranichjagdplätze weiter weg vom Fluss. Die Lage der Jagdplätze hängt also mit den unterschiedlichen Zug- und Rastgewohnheiten von Störchen und Kranichen zusammen. Während Störche gewässerreiche Gegenden zur Rast aufsuchen, wo sie nach Nahrung fischen können, bevorzugen Kraniche (Grus grus lilfordi) und Jungfernkraniche (Anthropoides virgo) die weiten Feldfluren in der Ebene. Der Kranichjäger versucht, die über ihm in V-Formation fliegenden Kraniche zur Rast auf noch nicht bestellten Feldern oder auch in Weingärten zu verleiten. Hierzu bedient er sich einer Gruppe zahmer Lockvögel. Attrappen werden bei der Kranichjagd nicht benutzt. Sobald sich ein Zug Kraniche am Himmel zeigt, werden die Lockvögel durch die Rufe ihrer Besitzer zu eigenem Rufen stimuliert. Minutenlang stoßen sie dann ihre trompetenartigen Schreie aus, und sie können zur Fortsetzung ihres Konzerts jederzeit erneut stimuliert werden.


Der Einfluss der Jagd auf die Bestände
So interessant diese Jagdmethoden erscheinen mögen, der Zoologe fragt sich natürlich, welchen Einfluss die Jagd auf Zugvögel auf deren Bestände hat, insbesondere wenn es sich um bedrohte Arten handelt. Das Angebot an Wildbret in Kabul und anderen Städten wie Charikar und Gulbahar kann den Umfang der Jagd sicher nur andeuten. Man muss nämlich annehmen, dass nur ein kleiner Prozentsatz der Jagdbeute auf den Basaren zum Verkauf kommt. Das größere Kontingent dürfte von den Familien der Jäger selber verzehrt oder in ihrem unmittelbaren Wohnumfeld verkauft werden. Dennoch wird die Jagd bei den wenigsten Arten einen spürbaren Populationsrückgang zur Folge haben. Niemand weiß, wie viele Störche und Kraniche jedes Jahr erlegt werden und ob die Brut in den Sommerquartieren die Verluste zur Zugzeit wirklich kompensiert. Wir selber haben sechs Storchenjagdplätze in Afghanistan kennengelernt, und nach unseren Befragungen gab es in den 1970er Jahren nicht mehr als zehn bis fünfzehn insgesamt. Da es sehr kostspielig ist, zahme Störche, die nur für eine kurze Jagdsaison Verwendung finden, das ganze Jahr hindurch zu füttern und zu pflegen, ergibt sich von selbst, dass sich nur wenige Leute die Ausübung dieser Jagd erlauben können. Die erlegten Störche erreichen wohl auch nur selten die Menge, dass sie nicht mehr von der Familie des Jägers verzehrt werden können. Bei insgesamt 14 Besuchen des Geflügelbasars in Charikar während der Jagdsaison in den Jahren 1971 und 1972 fanden sich jedenfalls nur ein einziges Mal zwei Weißstörche zum Verkauf angeboten.


Eine jahrhundertealte Tradition
Gewerbsmäßig wird die Storchenjagd sicherlich nicht betrieben. Man sollte sie deshalb als das sehen und bewerten, was sie ist, nämlich als eine jagdgeschichtlich hochinteressante Besonderheit, die sich nur in diesem Teil Afghanistans unter den speziellen geografischen Bedingungen für den Vogelzug entwickeln konnte. Sie verlangt den Jägern nicht nur Geschick im Umgang mit den Lockvögeln ab, sondern auch ein Ausmaß an Zeit und Geduld, wie es sich europäische Jäger kaum vorstellen können, denn auf die Chance, einen Schuss abgeben zu können, muss man nicht nur Stunden, sondern oftmals tagelang warten. Der eventuelle, bescheidene Erlös, den die Jagdbeute einbringen mag, kann den enormen Aufwand wohl kaum rechtfertigen. Insofern sollte man die Storchenjagd eher als eine Art reizvollen Jagdsports betrachten. Schon Tamerlan (Timur), dem Begründer der Timuriden-Dynastie im 14. Jahrhundert, soll die Menge an Vögeln, die sich im Frühjahr in diesem Gebiet aufhält, aufgefallen sein, und er soll hier damals Vogelfänger aus Indien angesiedelt haben. Vogelfang und Vogeljagd in Afghanistan blicken also auf eine jahrhundertealte Tradition zurück.


Der Jäger unterscheidet nicht zwischen gefährdeten und nicht-gefährdeten Arten
Im Vergleich zu den Storchenjägern scheint die Zahl der Kranichjäger größer zu sein. Jedenfalls ist die Zahl erlegter Kraniche weitaus größer als die von Störchen. Bei Besuchen des Geflügelbasars von Charikar fanden sich an neun Tagen insgesamt 26 Kraniche und an sechs Tagen insgesamt 12 Jungfernkraniche als Wildbret angeboten. Aber auch das mag angesichts der nach Hunderttausenden zählenden Gesamtpopulation dieser beiden Arten nicht bestandsgefährdend sein. Jedenfalls wird bislang keine der beiden Arten von der IUCN, der Welt-Naturschutzunion (International Union for Conservation of Nature), als gefährdet eingestuft. Leider unterscheidet der afghanische Jäger nicht zwischen gefährdeten und nicht-gefährdeten Kranicharten. Denselben Weg über den Hindukusch wie Grau- und Jungfernkraniche nahmen nämlich auch die Schneekraniche (Grus leucogeranus). Einer der letzten Nachweise dieser Art in Afghanistan waren mehrere geschossene Schneekraniche, die ein französischer Zoologe 1969 auf dem Basar in Kabul entdeckte (Puget 1969). Sie gehörten einer Kolonie an, die am oberen Ob brütete und in Keoladeo Ghana in Indien überwinterte. Im März 1971 sahen zwei holländische Ornithologen am Ab - e - Isatada noch einmal 76 Scheekraniche rasten (Koning & Dijksen 1971), und wir selber konnten dort im Dezember desselben Jahres einige Nachzügler dieser Kolonie beobachten. 20 Jahre später war die Kolonien endgültig erloschen. Umso erstaunlicher ist der Fund eines erlegten Schneekranichs in der Provinz Balkh aus dem Jahre 2000, über den das Sekretariat der UN-Umweltorganisation zur Durchführung der Konvention zur Erhaltung wandernder wildlebender Tierarten berichtet (UNEP/CMS 2008). Inzwischen gibt es Zuchtstationen für Schneekraniche, zum Beispiel bei der Internationalen Kranichstiftung in den USA und im Okadelta in Russland, die das ehrgeizige Ziel verfolgen, die Population wieder aufzubauen. Die Zucht läuft auch erfreulich gut. Das Problem ist jetzt, dass der Zugweg nicht genetisch verankert ist. Deshalb muss man den Vögeln den Weg von den Brutplätzen im Norden zu den Winterquartieren im Süden zeigen. Dies geschieht, indem man ihnen mit einem Ultraleichtflugzeug vorausfliegt.


Falknerei
Wenn es um die Beziehungen der Menschen zu Vögeln geht, darf die Beizjagd, die Jagd mit Hilfe von Greifvögeln, nicht unerwähnt bleiben. Sie ist vermutlich schon vor 3500 Jahren in den Steppen Mittelasiens entstanden. Aristoteles wusste, dass die Thraker und Inder sie kannten. Kein Wunder, dass die Falknerei in Afghanistan als Bindeglied zwischen persischem und indischem Kulturkreis seit langem bekannt ist und bis heute gepflegt wird. Aus Gebrauchsgegenständen aus dem 10. Jahrhundert geht hervor, dass sie hier zumindest schon zur Zeit der Ghaznawiden betrieben wurde. Ein leidenschaftlicher Falkner war Babur, der erste Großmogul. Wie in seinen Memoiren nachzulesen (Talbot 1968) nahm er sich während seiner zahlreichen Kriegszüge stets die Zeit, mit dem Habicht (Accipiter gentilis) zu jagen. Nicht nur Untergebene, sondern auch hochstehende Persönlichkeiten des politischen Lebens wurden von ihm nach ihren falknerischen Fähigkeiten eingeschätzt. Auch eroberte Länder pflegte er nach ihrer Eignung für die Beizjagd zu beurteilen. Viele Miniaturen aus der Mogulzeit lassen erkennen, wie hoch gerade der Habicht als Jagdhelfer geschätzt wurde. Noch heute gibt es die Redensart: „Der Habicht ist König, der Habichtsterzel Minister, der Sperber Prinz und der Falke Soldat.“ Der Falkner, der einen Habicht auf seiner Faust trägt, war zumindest bis in die 70er Jahre auf allen öffentlichen Transportmitteln vom Fahrgeld befreit, da ein König Anspruch auf kostenlose Beförderung hat.


Der erste Europäer, der über Falkner in Afghanistan berichten konnte, war Mountstuart Elphinstone, der das Land 1808/09 bereiste (Elphinstone 1815). Den heutigen, umfassenden Kenntnisstand über die Falknerei in Afghanistan verdanken wir jedoch Gerd Kühnert, der hier über zehn Jahre lang lebte und zahlreiche Kontakte zu afghanischen Falknern unterhielt. Seine Erlebnisse und Erkenntnisse hat er in einem Buch über die Falknerei in Afghanistan festgehalten (Kühnert 1980). Er bemerkt allerdings auch, dass bereits zu seiner Zeit, in den Jahren 1963 –1974, ein gewaltiger Schwund und ein Verflachen dieser Jagdkunst zu beobachten gewesen sei. Die Beizjagd beschränkt sich nach Kühnerts Recherchen im Wesentlichen auf drei Gebiete. In Kohestan, also dort, wo auch die speziellen Jagdformen auf Störche und Kraniche entwickelt wurden, werden hauptsächlich von April bis Juni Kleinvögel wie Wachteln und Kalanderlerchen mit dem Sperber (Accipiter nisus) gejagt. In Laghman, also im Südosten des Landes, werden heute noch gerne Habichte auf Steinhühner und andere Hühnervögel abgetragen, obwohl die Falkner eine lange und beschwerliche Reise auf sich nehmen müssen, um sie aus dem weit entfernten Badakhschan zu holen. Bei den Turkvölkern des Nordens findet man neben Habichten meist Sakerfalken (Falco cherrug) als Beizvögel. Zumindest früher jagte man hier mit Habichten oder weiblichen Sakern auf Kropfgazellen. Ansonsten werden sie für die Jagd auf durchziehende Kraniche, Gänse sowie Kragentrappen (Chlamydotis undulata) und die nur hier vorkommenden Weißflügel-Jagdfasane (Phasianus colchicus bianchi), eine Unterart des Ringfasans, angesetzt. Sakerfalken aus Afghanistan werden auch heute noch in offensichtlich nicht unerheblicher Anzahl exportiert. So wurden im Jahre 2002 acht vermutlich in der Gegend von Mazar-e Sharif gefangene Vögel in den Vereinigten Arabischen Emiraten festgestellt (Ostrowski et al. 2008).


Der Fang von Vögeln beziehungsweise die Jagd auf sie – insbesondere auf bedrohte Arten – ist heutzutage natürlich nicht mehr zu rechtfertigen. Längst gibt es deshalb auch in Afghanistan natur-, tierschutz- und jagdgesetzliche Regeln für den Umgang mit der Natur. Allerdings hapert es – wie in anderen Ländern auch – gelegentlich noch am Vollzug.


Literatur
ELPHINSTONE, M. (1815): An Account of the Kingdom of Caubul, London, 740 S.
KÜHNERT, G. (1971): Vogelhaltung in Afghanistan, In: Gef. Welt, 9, S. 173 –176.
KÜHNERT, G. (1980): Falknerei in Afghanistan, Bonn: Habelt, (Homo venator, Nr. 3), 119 S.
KONING, F.J. & L.J. DIJKSEN (1971): “Summary of the I.W.R.B. -Mission to Pakistan and Afghanistan,” In: I.W.R.B. Bull, 32, S. 67 -75.
MILLER, F.P., A.F.VANDOME, J. Mc BREWSTER (2010): Birds of Afghanistan, Allphascript Publishing, 96 S.
NIETHAMMER, G. (1967): „Königshühner,“ In: Zeitschrift des Kölner Zoos, 10, S. 25 -29.
NIETHAMMER, G. (1972): „Störche über Afghanistan,“ In: Zeitschrift des Kölner Zoos, 15, S. 47 –54.
NIETHAMMER, G., J. NIETHAMMER (1967): „Hochgebirgs –Vogelzug in Afghanistan,“ In: Zool. Beitr., 13, S. 501 -507.
NOGGE, G. (1973): Vogeljagd am Hindukusch. –Nat. Mus.103, 276 -279.
NOGGE, G. (1978): „Storchenjagd am Hindukusch – wie lange noch?,“ In: Das Tier, 11, S. 16 -19.
NOGGE, G., E. ARGHANDEWAL (2012): Afghanistan zoologisch betrachtet, Bonn: Scientia bonnensis, 138S.
NOGGE, G., J. NIETHAMMAER (1976): „Die Vögel auf den Basaren von Kabul und Charikar,“ In: Afghanistan Journal, 3, S. 150 –157.
OSTROWSKI, S. (2006): A Visit to the Bird Market of Kabul (Ka Farushi), 20 December 2006,Unpublished Report WCS, New York, 6 S.
OSTROWSKI, S., RAJABI, A.A., H. NOORI (2008): “An Assessment of the Raptor Trade in Afghanistan,” In: Falco, 31, S.14 -17.
PUGET, A. (1969): Contribution á l‘étude des oiseaux du nord-est de l‘Afghanistan,Thèse Univ. Toulouse, 487 S.
TALBOT, F. G. (1968): The Memoirs of Babar, Emperor of India, First of the Great Moghals, Lahore, 254 S.
UNEP/CMS (2008): Conservation Measures for the Siberian Crane, 4th edition, Bonn.

 

Zu den Autoren
Professor Dr. Gunther Nogge und Dr. Ehsan Arghandewal sind Experten der Fauna Afghanistans. Seit dem Ende der sechziger Jahre haben sie zusammen gearbeitet, zuerst am Zoologischen Garten und Institut der Universität Kabul, später am Kölner Zoo. Ihre in über 40 Jahren zusammengetragenen Befunde und Erkenntnisse haben sie 2012 in einem Buch mit dem Titel: „Afghanistan zoologisch betrachtet“ zusammengefasst. Dabei betrachten sie die Tierwelt nicht nur aus zoologischer Sicht. Zahlreiche Anekdoten, historische Bezüge und Überlieferungen des Volksglaubens machen nicht nur die Vogelwelt, sondern die gesamte Tierwelt Afghanistans für jedermann interessant.

Südasien 2/2015