Bhubneshwar Sawaiyan
Wie ein Glaube zum Verschwinden gebracht wird
Die Ho der Kolhan-Region und ihre religiöse Identität

Am Beispiel der Dongria Kondh (Adivasi) in der Niyamgiri­Region Odishas ist zu sehen gewesen, wie Glaubensinhalte von Indigenen hinterlistig beseitigt oder verunglimpft werden sollten. Ihnen wurden die Lebensgrundlagen wie Boden, Wald oder Wasservorkommen entzogen – nicht nur durch große Unternehmen, sondern auch durch den Staat oder die Hindutva­Bewegung. Diese Akteure unterdrücken auch die religiöse Identität der Ho (Adivasi) in der zentralindischen Region Kolhan auf der Mikro­ wie auf der Makro­Ebene.

Das Gebiet Kolhan umfasste vor der Unabhängigkeit Indiens über 1,2 Millionen Hektar1 und besaß reiche Vorkommen an Eisen und anderen Mineralien. Bereits in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts hatten die Steel Authority of India Ltd. (SAIL) und Tata Iron and Steel Company (TISCO) begonnen, Eisenerz in den Minen Chiria und Noamundi abzubauen.


Umzäunte Region


Im Mai 2016 umzäunte TISCO neuneinhalb Hektar Land in dem östlich von Rourkela gelegenen Distrikt Singhb hum West (Jharkhand), auf denen unter anderem die deshauli (die geweihten Haine) der drei Dörfer Konotorya, Balijorom und West-Noamundi liegen. Es wurde eine öffentliche Versammlung angesetzt, auf der die Dorfbewohner Informationen darüber erwarteten, wer dem Unternehmen erlaubt hatte, in die Ressourcen der Gemeinschaft einzudringen. Doch die Vertreter des Unternehmens erschienen nicht. Die Menschen wurden zornig, da das Unternehmen in betrügerischer Absicht den Zugang zu den deshauli blockierte. Die Ho konnten die saisonalen religiösen Zeremonien nicht mehr abhalten. Ihre religiösen Gefühle waren aufs Tiefste verletzt. Offensichtlich hatte die Verbindung zwischen Unternehmen und lokalen Regierungsvertretern, vor allem mit dem stellvertretenden Leiter der Polizei (Circle Officer), dazu führen können, die religiösen Gefühle der lokalen Bevölkerung und ihrer Repräsentanten zu missachten. Priester (diuri), Assistenten (dakua) und traditionelle Dorfvorsteher (mundas) aus 25 Dörfern sowie drei regionale Oberhäupter (mankis) zeigten sich besorgt.


Zensus und Religion


Auf der Makroebene lässt sich ein ähnliches Vorgehen beobachten. In den Volksbefragungen (Zensus) von 2001 und 2011 wurden etwa 13 Prozent der Ho als Hindus ausgewiesen, 1,8 Prozent als Christen, 0,05 Prozent als Muslime, 0,04 Prozent als Angehörige der spezifischen Ho-Religion, 0,03 Prozent als Buddhisten und 0,01 Prozent als Sikhs. Der große Rest wurde allgemein als einer indigenen Religion angehörig (other religions beziehungsweise Sarna) geführt.2 Die Zuordnung zur Hindu-Religion legt gleichzeitig die Einordnung in Berufsgruppen einer sesshaften und auf Landwirtschaft ausgerichteten Gesellschaft nahe, was auf die Ho nur zum Teil zutrifft. Verglichen mit der Realität der Ho stellt der Zensus der indischen Regierung dies unrechtmäßig und vorsätzlich als Konversion der Adivasi dar.


Die Ideologie der  Hindu-­Nationalisten


Adivasi, die im Zensus unter der Rubrik einer „anderen Religion“ (other religions and persuasions) aufgeführt werden, unterliegen gleichwohl ebenfalls einer willkürlichen Verortung im Hinduismus. Ein Mitglied des Landesparlaments von Jharkhand von der Bharatiya Janata Party (BJP) zählt die Anhänger des Sarna kurzerhand zum Bestandteil des Sanatan Dharm, quasi einer Vorstufe der „ewigen Ordnung“ und religiösen Basis der Hindu-Religion. Im Gebiet der Ho stellen SarnaIdentifizierte statistisch gesehen die große Mehrheit, wobei Sarna eigentlich vor allem auf die Oraon-Gemeinschaften mit drawidischer Herkunft zutrifft. Der Landtagsabgeordnete versuchte also, seine potentielle Wählerbasis zu erweitern und mit Chuzpe in der Hierarchie seiner Partei aufzusteigen.


Ein solches Vorgehen hat Methode. Der Sangh Parivar – ein Verbund aus der Familie der hindu-nationalistischen Organisationen um den Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) und der BJP als ihrem politischen Arm – verfolgt nur ein Ziel: Indien in eine Hindu-Nation zu transformieren. Die mehreren Hundert Organisationen richten sich nach dem einen politischen Motto: „Ein Volk, eine Nation, eine Kultur“; und sogar ein (An-) Führer; kontrolliert vom RSS.3 Auf der Distrikt-Ebene in Singhbhum West organisiert der RSS seine Tätigkeiten von einem Ort namens Karanjo aus. Die Adivasi-Kinder, die dort die vom RSS betriebene Schule besuchen, werden mit der Rezitation einer stark hinduisierten Glaubensdarstellung konfrontiert. Dies beeinflusst natürlich die religiöse und rituelle Praxis der Ho. Zumal die Ho-Kinder, die über einen längeren Zeitraum mit der Anbetung von Hindu-Götterbildern in Kontakt gekommen sind, sich von diesen hierarchisch höher angesiedelten Götterbildern mehr angezogen fühlen als von der traditionellen, als primitiv verunglimpften Naturverehrung der Ho. Infolgedessen haben sich viele sozio-religiöse Bewegungen gegründet, die innerhalb der Ho für Unruhe sorgen: Satya Dharam, Dupub Dharam, Haribaba Movement, Kirpa Sindhu Dharam, Lako Bodra Adi Samaj Movement, Patal Kali Dharam, Sanatan Dharam, Jora Bakara Daru Dharam, Pundi Diri Dharam, Gangamata Dharam, Mahavir Jhanda Dharam, Mail Dharam, Bokudi Dharam, Muni Samaj, Sheoli Dharam, Ram Dharam, Birsa Dharam, Janeu Dharam, Cigarette Dharam und andere mehr.4 Solche Entwicklungen innerhalb der Ho-Gemeinschaft setzen die Herausbildung einer eigenen, selbstbestimmten religiösen Ho-Identität unter enormen Druck.


Einmischung in die kulturelle Grundstruktur


Die Durchdringung der Kolhan-Region durch kulturelle und religiöse Aktivitäten der Hindu-Nationalisten in jüngerer Zeit ist alarmierend. Sie stören die Versuche, eine gemein
same religiöse Identität der Ho weiterzuentwickeln, ein eigenes Selbstverständnis der Ho über religiöse Gefühle und ihre Religion auszubilden. Dies gilt besonders für die wichtigen Darstellungen im Lebenskreis der Ho, das heißt für Initiationsriten wie die Rituale zur Geburt, der Hochzeit und zum Tod. Die Präsenz und Einmischung der Baman, der HinduPries ter, bei der Durchführung solcher Rituale, verletzt das Gewohnheitsrecht der Ho. Einmischung und hierarchisch gesetzte Attraktivität durch die Hindu-Gesellschaft führt die Suche nach den Wurzeln der Ho in die Irre, hat den beabsichtigten gegenteiligen Effekt auf die indigene Religion und den Adi Dharam.5 Mit Adi Dharam meinte der 2011 verstorbene, renommierte Repräsentant der Adivasi in Indien, Ram Dayal Munda, „die Basis, die Wurzeln, den Anfang (adi) der religiösen Vorstellungen der Adivasi, der ersten Bewohner Indiens.“


Die religiöse Identität der Ho befindet sich im Würgegriff, um Komponenten zur religiösen Selbstbestimmung wie Rituale, Organisationsstrukturen und Philosophie der Gemeinschaft nicht gedeihen zu lassen. Die Gemeinschaft der Ho entwickelte ein Glaubenssystem, das auf dem Praktizieren der symbolischen Verbindung von Kosmos, Mensch und Natur basiert. Doch das kapitalistische Glaubenssystem der großen Unternehmen hat die Institution der Demokratie, besonders das Landesparlament von Jharkhand und das indische Parlament (Lok Sabha) unterminiert. Seit der Machtübernahme der National Democratic Alliance-Koalition unter Führung der BJP im Mai 2014 sind über hundert MoUs (Memorandum of Understanding; Absichtserklärungen über Wirtschaftsprojekte) mit Unternehmen unterzeichnet worden. Bei der Aneignung von Ressourcen wird die Religion zur politischen Waffe der hindu-nationalistischen Kräfte, die sich unter der BJP-Regierung sicher und sogar ermutigt fühlen, Zwietracht in der Region zu säen. Solche Phänomene sind nicht wirklich neu. Die politischen Rahmenbedingungen seit den Wahlen zur Lok Sabha im Jahr 2014 haben zu einer massiven Verschärfung der Attacken gegen Adivasi-Identitäten geführt.


Aus dem Englischen übersetzt von Fabian Falter

 

Zum Autor:
Bhubneshwar Sawaiyan hat zum Thema Adi Dharam gearbeitet und war persönlicher Mitarbeiter von Ram Dayal Munda in dessen Zeit als Mitglied des indischen Oberhauses (Rajya Sabha).