Heinz Werner Wessler
Auszeichnung für den Draupadi Verlag
SÜDASIEN und Literaturforum Indien gratulieren

Der Heidelberger Draupadi Verlag, den Lesern von SÜDASIEN bestens bekannt, wurde als einer von 63 kleineren unabhängigen Verlagen mit dem Deutschen Verlagspreis 2020 ausgezeichnet. Er gehört in die Hauptgruppe der 60 Verlage, die „für ihre hervorragenden Leistungen“ mit einem Gütesiegel und jeweils 20.000 Euro ausgezeichnet wurden. Südasienbüro und Literaturforum Indien freuen sich mit allen Freunden und Mitarbeitern des Verlagsprojektes und gratulieren dem Verlagsleiter Christian Weiß ganz herzlich zu dieser Anerkennung für den wohl wichtigsten deutschsprachigen Verlag für südasiatische Literatur.

 

Da mag man zunächst stutzen: Wie wurden die Preisträger ausgewählt und aufgrund welcher Verdienste? Dazu sagt Frau Prof. Monika Grütters, Kulturstaatsministerin und Initiatorin dieses Preises, auf www.deutscher-verlagspreis.de: „Kriterien waren dabei, neben dem Verlagsprogramm, das kulturelle Engagement der Bewerberinnen und Bewerber, die Umsetzung innovativer Projekte oder eine außerordentlich hohe Qualität der verlegerischen Arbeit.“ Und: Der Preis soll vor allem in der Fläche wirken und so die gute kulturelle Infrastruktur in ganz Deutschland sichern.“

 

Eine kurze individuelle Laudatio der Preisträger gab es nur für drei besonders herausgehobene Verlage, die mit einem dreifachen Preisgeld bedacht wurden.

 

Es gibt aber viele gute Gründe, die Verdienste des Draupadi Verlags hier einmal besonders hervorzuheben:

 

Da ist vor allem der Mut zu erwähnen, den es erfordert, überhaupt einen „Verlag für Indien“ zu gründen. Die Idee war nicht ganz neu - vereinzelt hatte es kleine Verlage mit dieser Spezialisierung gegeben, doch konnte sich keiner von ihnen auf dem Markt etablieren. Der Draupadi Verlag existiert nun bereits seit siebzehn Jahren, in denen er 57 Werke in der Kategorie „Moderne indische Literatur“ herausgab, darüber hinaus 50 Sachbücher im weitesten Sinn, darunter auch Biographien. In der dritten Kategorie „Sonstige Veröffentlichungen“ finden sich Belletristik aus den sprachlich und kulturell verwandten Nachbarländern Indiens, wissenschaftliche und essayistische Literatur sowie Texte deutschsprachiger AutorInnen, die in irgendeiner Weise einen Bezug zu Südasien haben.

 

Die großen deutschsprachigen Publikumsverlage zeigten bisher nur punktuell Interesse an Literatur vom indischen Subkontinent und bevorzugten bereits weltweit bekannte englisch schreibende AutorInnen, oft solche, deren Lebensmittelpunkt nicht mehr in Südasien liegt und die von Anfang an für ein internationales Publikum schrieben. Der Draupadi Verlag setzte dagegen konsequent auf direkte Übersetzungen aus den Sprachen des Subkontinents.

 

Es geht dabei um authentische Bilder des Lebens, Denkens und Fühlens der Menschen in Südasien, aber auch um Einblick in literarische und kulturelle Diskurse jenseits des Englischen. Die beeindruckende Liste der Titel mit Übersetzungen aus einer ganzen Reihe von Sprachen ist vor allem dem enormen Einsatz des Verlagsgründers Christian Weiß mit seinem ansteckenden Enthusiasmus zu verdanken. Es gelang ihm immer wieder, aus der versprengten und zahlenmäßig kleinen Schar von Kennern südasiatischer Sprachen und Literaturen Übersetzer und Lektoren zur Mitarbeit zu motivieren und mit sehr knappem Budget ausgezeichnete Bände herauszubringen. Dies gelang im Zusammenspiel mit engagierten Mitstreitern, die oft mit viel Elan und Bereitschaft zur Selbstausbeutung bereit waren, Zeit und Mühe in die Übersetzungsarbeit zu investieren - oft unter Verzicht auf ein Honorar.

 

Unterstützung fand der Draupadi Verlag durch LitProm, einen der Frankfurter Buchmesse nahestehenden Verein zur Förderung von Belletristik aus Afrika, Asien, Lateinamerika, punktuell auch durch das Goethe Institut, „Brot für die Welt“ und andere Institutionen. Die Zeitschrift SÜDASIEN bot dem Verlag eine Plattform, auf Neuerscheinungen hinzuweisen und Leseproben zu veröffentlichen. Fast in jedem Heft wurden auch Rezensionen zu Büchern des Draupadi Verlags veröffentlicht.

 

Das 2006 gegründete Literaturforum Indien e.V. hat jedes Jahr eins oder mehrere Bücher des Draupadi Verlags gefördert, durch Zuschüsse zu den Druckkosten, aber auch durch aktive Mitwirkung einzelner Mitglieder als Übersetzer und Lektoren. Die Lesereisen von Autoren des Verlags wurden zum wichtigen Pfeiler für den Kontakt mit der literaturinteressierten Öffentlichkeit, was immer wieder bei minimalem Budget und dank einer Gruppe von begeisterten Helferinnen und Helfern gelang. Die Jahrestagungen des Literaturforums wurden in den letzten Jahren zum wichtigen Treffpunkt für Freunde, Übersetzer und Lektoren südasiatischer Literatur und des Draupadi Verlags. Dass die geplante und lange vorbereitete Jahrestagung des Literaturforums Indien im Mai 2020 wegen der Corona-Krise abgesagt werden musste, war für uns alle besonders bitter.

 

Erfreulich auch die Zusammenarbeit mit dem Unionsverlag, der als Großverlag mit einer sehr viel weitergehenden Klientel einige Bände in Lizenz herausbringt, auch als e-book. Wichtig auch die Kooperation mit dem indischen Verlag Adivaani in Kolkata, deren engagierte Verlegerin Ruby Hembron selbst schon auf einer der Jahrestagungen des Literaturforums ihren Verlag vorgestellt hat.

 

Wirklich kommerziell betreiben lässt sich ein solches Unternehmen leider kaum. Die Großverlage und ihre Sortimente beherrschen das Geschäft. Der Draupadi Verlag wird ein Nischenverlag bleiben. Doch das Resultat von 17 Jahren harter Arbeit kann sich sehen lassen. Außer einigen modernen Klassikern, z.B. Rabindranath Tagore, Krishna Baldev Vaid, Bhisham Sahni, Mahasweta Devi, Ajneya, Habib Tanvir, konnte der Draupadi Verlag vor allem eine ganze Reihe bedeutender lebender Autoren erstmals dem deutschen Lesepublikum präsentieren: Zu den beliebtesten, die inzwischen jeweils mit mehreren Werken vertreten sind, gehören Uday Prakash und Geetanjali Shree mit ihren Romanen und Erzählungen in Hindi. Beide waren schon mehrmals auf Lesereise in Deutschland, wie auch die Adivasi-Lyrikerin Jacinta Kerketta – eine echte Entdeckung.

 

Sara Rai erhielt für ihre auf Deutsch bei Draupadi erschienenen Erzählungen Im Labyrinth den Coburger Rückert-Preis 2019. Im Anschluss daran ging sie auf Lesereise durch Deutschland, wie schon ein Jahr zuvor der Urdu-Romanautor Rahman Abbas. Auch etliche Stimmen aus dem südlichen Indien fanden bei Draupadi eine Heimat: Die Tamil-ErzählerInnen Chudamani Raghavan, Salma, P. Sivakami und Perumal Murugan, die Lyriker K. Satchidanandan, O.N.V. Kurup und Sugathakumari. Dieser sehr lückenhaften Aufzählung sind eine Reihe von Anthologien hinzuzufügen, die ein breiteres Autorenspektrum präsentieren, z.B. Der Alte und die Affen. Geschichten vom Altwerden im modernen Indien (2012) oder Wie queren wir Flüsse? Geschichten und Gedichte vom indischen Subkontinent (2016).

 

Mit Beharrlichkeit, vollem Einsatz, Liebe zum Gegenstand, Gespür für Werke von Qualität und mit großer Sachkenntnis hat es der Draupadi Verlag geschafft, sich nachhaltig in der deutschen Verlagslandschaft als der Spezialverlag für indische und südasiatische Literatur zu etablieren.

 

SÜDASIEN und das Literaturforum Indien wünschen ihm weiterhin viel Erfolg. Auf das stetig angewachsene Netzwerk von Freunden und Förderern kann er sich auch in Zukunft verlassen.